Mit einer Parfümeurin auf La Réunion


Wo Vetiver und Vanille herkommen

Zugegeben. La Réunion, Frankreichs Übersee-Départment im Indischen Ozean, stand bisher nicht auf meiner Liste von Reisezielen. Wäre da nicht Marie Le Febvre gewesen. Die französische Parfümeurin, die mit Mann und Sohn in Berlin lebt, pflegt seit vielen Jahre eine enge familiäre Beziehung zur Insel. Ihr Bruder Yann lebt mit seiner kreolischen Frau („créole“ nennen sich die Bewohner von Le Réunion) und den drei Kindern auf dem paradiesischen Eiland zwischen Madagaskar und Mauritius. Und wann immer es geht verbringt Marie Zeit in ihrem türkisblauen Holzhaus auf Yanns Grundstück in Saint-Gilles. Außerdem hat sie auf der Insel wieder zum Leben erweckt, was über viele Jahre in Vergessenheit geraten war: den Anbau von Vetiver. „Veti…Wer?“, wird sie oft gefragt. Der Allgemeinheit ist das tropische Süßgras, das zwischen 0,5 und 1,5 Meter hoch wird, eher kein Begriff. Duft-Insidern dagegen sehr wohl: Sein ätherisches Öl wird gerne in Parfums verwendet. Es verleiht ihnen eine tiefe, citrisch-holzige Note.

Ursprünglich stammt Vetiver aus Asien (Indonesien, Sri Lanka, Südindien), wird aber in vielen tropischen Gebieten kultiviert – allein schon wegen seines praktischen Nutzens: Das hoch aufschießende, harte Gras stabilisiert den Boden gegen Erosion. Die Wurzeln halten die Erde feucht und wirken entgiftend, was zur Bodenverbesserung beiträgt. Die langen Halme werden zum Dachdecken verwendet wie bei uns Reet. Zudem werden feste Seile daraus geflochten, und nicht zuletzt gilt Vetiver als altes Hausmittel gegen Fieber und Kopfschmerzen. Das duftende ätherische Öl in allerbester Parfümeurqualität gibt die Pflanze allerdings nur unter optimalen Bedingungen ab. Wenn der Boden so fruchtbar ist wie die Erde auf La Réunion. Die Insel bietet alles an Vegetation und klimatischen Verhältnissen, was man sich vorstellen kann. Vom vulkanischen, von Regenwald bedeckten Inland bis hin zu kilometerlangen Stränden aus feinem, schwarzen Sand in L‘Etang-Salé-les-Bains an der Westküste oder dem hellem Sand von Saint Pierre im Südwesten. Auf der Insel findet man die verschiedensten Mikroklimata. Während die Ostküste sehr regenreich ist, weist die Westküste teilweise Steppenklima auf. An der Küste kann die Temperatur im Sommer (Dezember bis März) 30 Grad betragen und in den Höhenlagen bis auf 15 Grad sinken. Übrigens gehört die Insel La Reunion seit 2. August 2010 zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Ankunft am Flughafen von Saint-Denis, der Hauptstadt im Norden mit 143.000 Einwohner: Wir erleben eine moderne Stadt mit Theater, Museen, Märkten und dem alten Flair kreolischer Häuser. Mit dem Mietwagen fahren wir weiter an die Westküste nach Saint-Gilles-Les-Bains, einen lebhaften Badeort mit vielen Restaurants und Bars. Die Brandung am Strand ist ideal für Surfer. Uns zieht es aber eher südlich der Stadt in den botanischen Garten Jardin d‘Eden. In der Tat ein grünes Paradies auf 2,5 Hektar mit 700 verschiedenen tropischen Bäumen, Pflanzen und Gewürzen. Wer genau hinsieht, entdeckt ein Chamäleon zwischen dem dichten Blattwerk. Vergebens sucht man allerdings auch hier nach Dodo, dem Maskottchen der Insel, das einem sonst überall begegnet auf T-Shirts, Souvenirs und sogar auf dem Etikett einer heimischen Biermark. Das Tier ähnelt einem Pelikan, soll tatsächlich existiert haben, ist aber schon lange ausgestorben.

Wir fliegen mit dem Helikopter über tief zerklüftete Canyons mit herabstürzenden Wasserfällen bis zum Piton des Neiges, einem erloschenen Vulkan (3070 Meter), der seine Spitze meist in Nebel hüllt. Als er vor etwa drei Millionen Jahren aus dem Indischen Ozean aufstieg, ist die Insel entstanden. Heute ist er ein beliebtes Klettergebiet. Erkletterbar ist auch das Wahrzeichen der Insel, der Piton de la Fournaise, ein 2.631 Meter hoher Vulkan, der noch aktiv ist. Mit mehr als einer Eruption pro Jahr zählt er zu den aktivsten der Welt und lockt gerade deshalb viele Touristen an. Wir überfliegen Mafate und die beiden anderen Talkessel Salazie und Cilaos, die wegen ihrer runden Form als Cirques bezeichnet werden. Mafate liegt so abgelegen, dass es nur zu Fuß oder aus der Luft zu erreichen ist. „Es wird als das Tal der zehn Dörfer bezeichnet. Gerade mal 1000 Menschen leben dort. Baumaterialien müssen per Hubschrauber angeliefert werden. Zur nächsten Busstation geht es zwei Stunden zu Fuß einen beschwerlichen Weg bergauf“, erzählt Marie. Zu den schönsten Motiven auf La Réunion zählt auch das Cap Noir am Nordwestrand des Cirque des Mafate wegen seiner atemberaubenden Panoramasicht. Er ist nur durch eine Wanderung mit einigen Kletterpassagen zu erreichen. Festes Schuhwerk und Outdoor-Kleidung sind unerläßlich, weil das Wetter oft schnell umschlägt. Aber die Mühe lohnt sich. Bei Helilagon kann man unter fünf verschiedenen Helikopter-Touren wählen.

Bei der Fahrt mit dem Mietwagen über die Insel begegnet man fast überall Zuckerrohrplantagen. Das holzige Gewächs wird zu dem berühmten braunen Zucker, einem klebrigen Sirup oder zu Rum verarbeitet. Viele der größeren und kleineren Zuckerrohrfabriken bieten eine Besichtigung an. Auch das zweitteuerste Gewürz nach Safran, die Bourbon-Vanille, kommt aus La Réunion. Die Insel hieß damals Ile Bourbon. Seit 1850 wird von hier tonnenweise die beste Vanille exportiert. Die Pflanze ist eigentlich eine Orchidee, die einzig eßbare ihrer Art. Sie rankt sich an ganz normalen Bäumen hoch, ist aber anspruchsvoll, was Licht, Feuchtigkeit, Wärme und auch Schatten angeht. Jede Blüte wird einzeln von Hand befruchtet und trägt nur eine Schote. Was sonst noch an Köstlichkeiten angebaut wird, kann man auf dem Markt in dem kleinen Hafenstädtchen Saint-Gilles-Les-Bains bestaunen: Mango, Ananas, Litschi, Chili, Tamarinden, Palmherzen oder den typischen grünen Schrumpelkürbis Chouchou oder Chayote. Er wird roh oder gekocht genossen. Die getrockneten Schäfte werden für Flip-Flops, Hüte und Taschen verwendet, und im Juli wird im Cirque de Salazie ein dreitägiges Chouchou-Fest gefeiert.

Das türkisblaue Haus von Marie in Saint-Gilles

Im Süden der Insel im Gebiet um Saint-Joseph stehen Trocken- und Regenzeit in einem idealen Verhältnis. Nur hier gelingt der Vetiver-Extrakt, wie ihn Marie Le Febvre liebt: dunkel und zugleich nach frischer Grapefruit duftend. Exakt so, wie ihn kein Labor synthetisch herstellen kann. „Vetiver war schon immer mein Favorit unter den Duftstoffen“, sagt die Parfümeurin. Auf meine Frage nach dem Warum antwortet sie mit einer Gegenfrage: „Warum mögen Sie Pasta?“

Auch wenn es Jahrzehnte lang praktisch keinen Vetiver mehr auf La Réunion gab, war der Duftstoff dennoch immer verfügbar. Java und vor allem Haiti produzieren ihn bis heute tonnenweise auf größeren Feldern und mit billigeren Arbeitskräften für Kosmetikgiganten wie L‘Oréal, die ihn in großen Mengen abnehmen. Auf Haiti und Java wird zwar preisgünstiger produziert, aber die Essenz hat ein anderes Aroma, ist erdiger, rauchiger. „Die Ölgewinnung aus den feinen Vetiver-Wurzeln ist aufwendig, erfordert viele Hände für Anbau und Ernte“, erzählt Monsieur Laurent von der Kooperative C.A.H.E.B. Geerntet wird nur im Sommer, destilliert wie vor Jahrhunderten mit Dampf und Druck. 12 Stunden dauert es, bis das dickflüssige, bräunliche Öl gewonnen ist. 100 Kilo Wurzeln braucht man für zwei bis drei Kilo Essenz, sprich ein Feld von 12.000 Quadratmetern. Die Kooperative C.A.H.E.B. produziert nicht nur ätherische Öle aus Vetiver, sondern auch aus Vanille, Geranium, Rosen und anderen Pflanzen.

Als Marie den erfahrenen Destillateur das erste Mal aufsuchte und ihm ihr Vorhaben erklärte, Vetiver anzubauen, lachte er nur. Er hatte dieses Business schon vor Jahren aufgegeben, als die Vetiver-Preise im Keller gelandet waren, und er mit der Massenproduktion der Konkurrenten andernorts nicht mithalten konnte. Doch die Parfümeurin ließ nicht locker. Inzwischen ist der Kilopreis wieder auf 800 Euro gestiegen und mit „Vetiver Réunion“ Maries sechster Duft ihrer „Urban Scents“-Kollektion auf dem Markt. Le Febvre: „Damit habe ich meinen Traum realisiert von einem weiblichen Vetiver-Duft mit einem Hauch männlicher Attitüde. Bisher war diese Ingredienz beim Parfum eher maskulin besetzt.“ Aufgebaut hat sie ihren Duft direkt auf dem Vetiver, was ungewöhnlich ist. Als Abrundung kommen rosa Pfeffer, Guajakholz und Bergamotte zum Einsatz. Im Vergleich zu vielen ihrer Kollegen verwendet Marie am liebsten nur wenige Zutaten. „Weil ich denke, dass gerade natürliche Inhaltsstoffe schon für sich selbst ein Parfum sind.“ Dabei räumt sie ein, dass auch synthetische Stoffe durchaus ihre Berechtigung haben. „Auch ich nutze sie, um beispielsweise die Facetten einer natürlichen Substanz zu unterstreichen.“ Und manche Stoffe wie Moschus beispielsweise werden ohnehin nur noch künstlich hergestellt. „Es ist eine Frage der Balance“, sagt sie. „Klar riecht ein Duft eher künstlich, wenn er keinerlei natürliche Inhaltsstoffe enthält. Aber ganz ohne synthetische Moleküle wiederum riecht er nach 19. Jahrhundert.“

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