Riccardo Simonetti zwischen Glitzer und Glamour


Ein cooler Typ mit Wallemähne, Make-up und schrägen Accessoires

Riccardo Simonetti arbeitet seit sieben Jahren als Influencer. Mit 143.2 Tsd. Abonnenten auf Instagram (@riccardosimonetti) gehört er zu den erfolgreichsten der Szene. Dazu betreibt er seinen eigenen Blog The Fabulous Life of  Ricci. Er trägt Leo, Satin, Pailletten und setzt sich schon mal die goldene Krone aufs Haupt. Und er schminkt sich. Damit ist Riccardo Simonetti nicht allein. Immer mehr Männer shoppen Make-up. Bei der MAC Pro Artist Linie sind es bereits 34 Prozent. Sie kaufen nicht nur Pflege, sondern auch Dekoratives für Augen, Brauen, Teint. Das zieht sich durch alle Altersgruppen und Gender. Daneben gibt es die jungen Aficionados, die Make-up als Statement nutzen und mehr dekorative Produkte shoppen als so manche Frau, um sich damit auf Instagram zu präsentieren. Die Industrie hat längst darauf reagiert. Die US-Marke CoverGirl erkor bereits 2016 Teenage Blogger James Charles als Model für ihre „So Lashy“-Kampagne. Und Georgie Greville, Creative Director von Milk Makeup, holte für ein Shooting Model and Actor Luka Sabbat vor die Kamera und ließ ihn mit blauen Lidschattenpigmenten und Covercream experimentieren. Riccardo Simonetti steht für diese neue Zielgruppe. Er ist Zeitgeist, er ist mutig, experimentierfreudig und aufgeschlossen. Im C&C-Interview erklärt er das Phänomen, wie er persönlich und in seinem Business damit umgeht und wie die Umwelt auf seine Glamour-Looks reagiert.

Woher kommt der neue Trend zum Männer Make-up speziell auf Instagram?

Die sichere Barriere von Internet-Anonymität inspiriert die Leute dazu Sachen auszuprobieren, für die sie im Alltag vielleicht nicht mutig genug wären. Das Internet ist die perfekte Plattform, weil man da eine Schutzwand hat und und nicht direkt auf die Strasse geht. Das Feedback, das man durch Kommentare und Likes bekommt, bestätigt viele so sehr, dass sie sich damit eine Karriere aufbauen und auch trauen, es auf der Straße auszuleben. Ich glaube, dass das auch so ein Schlüssel war, um diese Freiheit zu erleben, die vor allem bei Männern immer noch sehr unkonventionell ist.

Worin besteht Deine Freiheit?

Dass ich kompromisslos ich selbst sein kann, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Es ist etwas, das mich mein Leben begleitet hat. Ich bin auf dem Land in Bad Reichenhall aufgewachsen. Als Junge habe ich mich schon für Mode interessiert, hatte unkonventionelle Auftritte. Ich hatte damals immer das Gefühl, man müsse eine Daseinsberechtigung haben. Schon damals habe ich davon geträumt, selbst mal im Rampenlicht zu stehen. Ich war mir sicher, dass es die einzige Welt sein würde, die die Eigenschaften schätzt, für die ich draußen auf der Straße kritisiert wurde. Deshalb ist für mich das ultimative Gefühl von Freiheit, mich nicht entschuldigen zu müssen für was ich bin und wer ich bin.

Wurdest du als Junge gemoppt?

Ja, es waren Dinge, die in der Schule passiert sind. Es fühlt sich für ein Kind nie schön an, wenn man merkt, man ist Stadtgespräch, nur weil man sich anders anzieht. Das ist teilweise schon sehr weit gegangen bis hin zu körperlicher Gewalt. Aber egal wo auf der Welt ich war, ich habe immer festgestellt, dass die Leute auf einen unkonventionellen Jungen stets unkonventionell reagieren.

Was hast Du daraus gelernt?

Deswegen engagiere ich mich auch so stark dafür, dass man Leute akzeptiert, auch wenn sie anders sind. Eben weil ich weiß, wie sich das anfühlt, jeden Tag dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich könnte meinen Erfolg nicht genießen, wenn ich wüsste, dass dieser Junge, der ich selbst vor fünf Jahren war, immer noch nicht die Straße entlang gehen kann ohne für sein Aussehen beschimpft zu werden.

Mit welchem Alter hast Du angefangen anders zu sein als andere?

Sobald ich selbst Entscheidungen treffen konnte. Mit vier oder fünf Jahren war klar, dass ich einen anderen Weg gehen würde als die meisten Jungs in meinem Alter. Ich hatte zum Glück eine sehr tolerante Mama, die auch sehr modebewußt war und das nicht so eng gesehen hat, wenn ich etwas experimentiert habe. Mit vier stand ich zum ersten Mal auf einer Bühne, habe 15 Jahre geschauspielt. Irgendwann wollte ich auch jenseits der Bühne die schönen Outfits tragen. Egal wie too much ich im normalen Leben war, auf der Bühne fanden es immer alle super. Das war ein Gefühl, das ich aufrecht erhalten wollte.

In welchen Klamotten bist Du als Junge herumgelaufen?

Mal waren es auch Röcke, mal Kleider. Aber es waren vor allem Showelemente. Ich habe Leute bewundert wie Michael Jackson und Thomas Gottschalk. Er war übrigens mein allererster Interviewpartner, als ich mit 14 meine eigene Radiosendung „Riccis Welt“ hatte. Das waren unkonventionelle Männer, die tolle Outfits getragen und die Leute unterhalten und Familien verbunden haben. Das waren immer Werte, die ich sehr interessant fand. Mode ist heute so unglaublich gender fluid. Es ist weniger wichtig, was man trägt, so lange es an der Person richtig aussieht. Was Thomas damals in den 80er/90er Jahren gemacht hat, war wegweisend für den Umgang von Männern mit Mode heute.

Wann hast Du angefangen Dich zu schminken?

Als Bühnenkind habe ich schon sehr früh Kontakt mit Make-up gehabt. Berührungsängste hatte ich dadurch nicht. Privat habe ich in der Pubertät angefangen, mit Schminke zu experimentieren. Ich wollte immer aussehen wie ein Rockstar und deswegen waren mein Kajal und ich unzertrennlich. Dekorative Kosmetik kam dann in meinen 20ern dazu.

Was trägst Du am heutigen Tag an Make-up?

Vor allem Make-up im Bart, weil ich keinen so dichten Bartwuchs habe. Ich möchte aber immer, dass mein Bart voll und prächtig aussieht. Da helfe ich dann mit etwas Lidschatten nach.

Zieht sich der neue Männertrend durch alle Altersgruppen?

Dieser Trend steht vor allem für ein Gefühl, das damit in Verbindung steht. Es ist eine neue Art von Rebellion, gerade auch von Männern, zu zeigen, dass sie mithalten können, wenn es um Make-up geht. Dass sie vor allem auch technisch total versiert sind. Da geht es ganz viel um Spaß. Und für Spaß ist man nie zu alt, egal ob es ein erwachsener heterosexueller Mann ist, der daran Spaß hat, oder ein 15jähriger schwuler Junge. Ich glaube, das hätte es früher genauso gegeben, nur war kein Ventil dafür da. Jetzt wo es das Internet gibt, haben sie das Ventil und auch eine Plattform, wo sie sich etwas abschauen können. Sie sehen, sie sind nicht allein, es gibt auch andere, die so etwas mögen. In den 80ern war es total gang und gebe, dass sich Männer geschminkt haben. Das hat sich nur in den letzten Jahren etwas verloren. Die Gesellschaft ist heute definitiv bereit für Männer, die Schminke im Gesicht haben.

Von wem hast Du Dir was abgeschaut?

Wen ich toll fand, war Lady Gaga, weil ihr Make-up Grenzen überschritten hat. Es hat gezeigt, dass es nicht um Männlichkeit und Weiblichkeit geht, sondern einfach um einen interessanten Look. Sie hat Looks kreiert, die inspiriert waren von der Vergangenheit, aber modern ausgesehen habe. Das hat mich total beeindruckt.

Siehst Du Deine Optik als Statement?

Mode ist für mich eine Sprache, die für mich spricht, bevor ich selbst den Mund aufmachen kann. Wenn man diese Sprache beherrscht, kann man viel mehr mit seinem Outfit aussagen als die Menschen vielleicht an Worten verstehen würden. Deshalb versuche ich Statements zu setzten, mit dem was ich trage und seien es nur Accessoires.

Wie entscheidest Du Dich morgens vor dem Kleiderschrank?

Mein Job besteht darin, über mein Leben zu berichten. Meine tägliche Aufgabe ist es, meine eigene Realityshow für meine Social Media- und Instagram-Kanäle zu erschaffen. Wenn ich morgens aufstehe, plane ich mein Leben wie einen Film. Wenn ich mein Outfit aussuche ist das wie die Requisiten-Auswahl beim Film. Ich schau mir an, was für den Tag auf meinem Programm steht. Besteht mein Tagesablauf aus Aufgaben wie roter Teppich oder Foto-Shooting, oder besteht mein Alltag eher aus scheinbar privaten Dingen wie in der Stadt herumlaufen und Alltagsabenteuer zu erleben. Danach wähle ich aus, wie der Protagonist in meinem Film aussehen soll.

Gibt es ein Produkt, das Du stets bei Dir hast?

Tatsächlich bin ein Riesenfan von Trockenshampoo, weil ich ganz starke Locken habe. Die glatt zu föhnen ist unglaublich viel Arbeit. Das kennt jeder, der Naturlocken hat. Zum Glück habe ich jemanden, der mir alle drei Tage die Haare ausföhnt. Die Zeit dazwischen überbrücke ich mit Trockenshampoo. Mein ständiger Feind ist die Luftfeuchtigkeit. Wenn ich der begegne, muss ich das Trockenshampoo benutzen, um alles wieder gerade zu bügeln. Auf meine Haare bin ich auch besonders stolz. Mein schönstes Kompliment ist, wenn jemand sagt „Du hast tolle Haare!“ Dieser Satz freut mich jedes Mal aufs Neue.

Hast Du keine Angst in eine Schublade gesteckt zu werden?

Ich habe mein ganzes Leben lang in einer Schublade gesteckt, deshalb habe ich keine Angst davor. Ich erkläre das immer mit meiner Mama. Wenn ich mein Ankleidezimmer sortiere und verzweifle, rufe ich meine Mama an und frage, ob sie einen Tipp hat. Sie sagt dann: „Du musst allen Dingen eine Schublade geben.“ Darauf ich: „Das funktioniert vielleicht, wenn man nur Jeans und T-Shirts hat. Aber wo packe ich meine lebensgroße Meerjungfrauflosse, meine Engelsflügel und meine 77 Paillettenjacken rein.“ Die passen eben in keine Schublade, ebensowenig wie ich auch.

Wie gehst Du mit negativer Kritik um?

Die Leute fragen oft, ob es sich für mich verändert hat seit ich in der Öffentlichkeit stehe. Aber wenn man so unkonventionell ist wie ich und auf dem Land aufwächst, da braucht man keine Öffentlichkeit und kein Social Media, um Hater zu haben. Da reicht es schon, wenn man die Straße entlang geht. Man kriegt jeden Kommentar offen ins Gesicht gesagt. Das ist eine Erfahrung, die hat viel in mir geprägt. Wenn man dann Negatives auf Instagram oder in der Presse liest, kann man das ganz gut ausblenden. Ich habe gelernt, mich an Menschen zu orientieren, die mir positiv gesonnen sind und mich weiterbringen. Trotzdem tut es weh, wenn man Böses über sich liest. Schneidet man sich mit dem Messer, tut es immer weh, auch wenn es das hundertste Mal war. Trotzdem finde ich es gut so, weil es zeigt, dass man Gefühle hat. Aber ich versuche, mich nicht davon beirren zu lassen, sondern mache halt mit dem blutenden Finger weiter.

Fotos: Simonetti, Floral Deco@Shutterstock

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