Wie viel ist dran an dem Hype um Botox, Herr Doktor?


Ein Gespräch mit dem Münchner Dermatologen Dr. Timm Golüke

C&C: Warum ist für viele Frauen Botox die Einstiegsdroge, wenn sie etwas an sich verbessern wollen?
Dr. Timm Golüke: Bei Botox ist das Einstiegsalter viel jünger als bei Fillern. Wenn junge Patientinnen zum ersten Mal zu mir in die Praxis kommen, ist es häufig die Zornesfalte, die sie behoben haben wollen. Diese ist nicht durchs Leben entstanden wie zum Beispiel die Nasolabialfalte, sondern es ist eine genetisch vererbte Mimik. Die Zornesfalte zeigt sich oft schon bei 20-jährigen. Die Frauen kommen dann mit 25 zu mir und sagen, dass die Falte sie stört, weil sie sie immer böse aussehen lässt. In dem Alter ist eine Botox-Spritze auch extrem effektiv. Hat sich die Falte erst einmal durch ständige Mimikbewegung tiefer eingeprägt, ist es für Botox zu spät.

C&C: Wie oft muss man nachspritzen?
Dr. Timm Golüke: Zweimal im Jahr kommen die Patientinnen in der Regel zum Nachspritzen, da die Abbauzeit etwa sechs Monate beträgt. Je öfter man es gemacht hat, desto länger hält Botox, weil man sich die mimischen Bewegungen irgendwann abgewöhnt. Das ist auch das Ziel des frühen Beginnens.

C&C: Ist die Mimik eigentlich nur tagsüber so aktiv?
Dr. Timm Golüke: Nicht bei allen. Was interessant ist, dass Menschen, die nachts mit den Zähnen knirschen oder die Zähne aufeinander beißen, morgens eine stärkere Zornesfalte haben. Bei denen ist die Mimik tagsüber gar nicht mal so ausgeprägt. Bruxismus nennt man diese nächtliche Überbeanspruchung der Kaumuskulatur. Die meisten tragen nachts eine Beißschiene, aber man kann den Kaumuskel auch gut mittels einer Botox-Spritze in leichter Dosierung entspannen. Es wird direkt in den Muskel gespritzt.

C&C: Stimmt es, dass man mit Botox auch das Gesicht schmäler aussehen lassen kann?
Dr. Timm Golüke: Die Asiaten machen das, um ihr von Natur aus breiteres Gesicht zu verschmälern. Auch hier wird der Kaumuskel behandelt, jeweils mit zwei Einheiten Botox. Der Effekt hält ebenfalls etwa sechs Monate an. Das Kauen wird dadurch nicht beeinträchtig. Der Muskel wird nur geschwächt, so dass das Gesicht schmaler erscheint.

C&C: Was versteht man unter Baby-Botox?
Dr. Timm Golüke: Mini- oder Baby-Botox bedeutet, dass die Substanz viel stärker verdünnt wird. Im Vergleich zur Glabella-Falte zwischen den Brauen beträgt das Verhältnis 1/10. In Amerika wird es häufig praktiziert gegen vergrößerte Poren und Unreinheiten. Botox in verdünnter Form reduziert die Aktivität der Talgdrüsen. Dadurch erscheinen die Poren feiner, Hautunreinheiten weniger werden. Man spritzt das Botox direkt mit ganz vielen kleinen Stichen in den Bereich der Unreinheiten. Man kann das Gesicht vorher mit Creme betäuben, es ist aber auch ohne gut auszuhalten. Der Effekt ist so überzeugend, dass man die Schmerzen schnell vergisst. Auch wenn man ganz viele kleine Fältchen auf der Stirn hat und keine volle Lähmung möchte, kann man sie mit Baby-Botox behandeln. Allerdings bringt es selbst bei einer jungen Patientin gar nichts, die Glabellafalte damit zu unterspritzen.

C&C: Welche Schönheitsprobleme kann man sonst noch mit Botox behandeln?
Dr. Timm Golüke: Die queren Stirnfalten sind inzwischen auch Standard für Botox. Die Augenbrauen anheben funktioniert sehr gut mit dem Behandeln der Zornesfalte. Man spritzt am Brauenende außen jeweils einen Punkt, das nennt man Chemical Browlift. Es hebt den Blick, lässt ihn offener aussehen. Krähenfüsse sind eine weitere klassische Indikation. Was immer häufiger mit Botox behandelt wird, ist der Bereich von Mundwinkel und Pflasterkinn. Und um zu vermeiden, dass der Halsmuskel die Gesichtskonturen nach unten zieht, spritzt man in die senkrechten Halsstränge, die sogenannten Platysmas. Hängende Mundwinkel korrigiert man, indem man den Mundwinkelrunterzieher-Muskel schwächt. Auch hier sechs Monate Haltbarkeit.

C&C: Botox wird auch gegen übermäßiges Schwitzen eingesetzt?
Dr. Timm Golüke: Man spritzt es unter die Achsel in die Schweißdrüsen. Dort hält es oft länger als sechs Monate, ist allerdings ziemlich schmerzhaft, weil die Achseln sehr empfindlich sind. Mit Kühlpads ist es auszuhalten. An Händen und Füssen wirkt Botox auch sehr gut. Dazu braucht es aber eine Nervenanästhesie, die von einem narkoseerfahrenen Arzt durchgeführt werden muss. Bei uns kommt extra jemand in die Praxis.

C&C: Warum baut sich Botox unterschiedlich schnell ab?
Dr. Timm Golüke: Botox wird immer nur lokal in den Muskel gespritzt, nicht in die Blut-Hirn-Schranke etc. Im Muskel wird es lokal verstoffwechselt. Das heißt je öfter ich den Muskel bewege, desto schneller baut sich die Substanz ab. Daher hält der Effekt an den Augen weniger lang als an der Stirn. An den Augen wird es am schnellsten abgebaut, weil man oft blinzelt. Auch bei Leistungssportlern, die ganz viel Mimik haben, baut es sich schneller ab als bei einer Person, die weniger Mimik hat. Grundsätzlich aber gilt: Je öfter ich Botox spritzen lasse, desto länger hält es.

C&C: Welche Zonen im Gesicht sind schwierig zu behandeln?
Dr. Timm Golüke: Am Mund muss der Arzt vorsichtig vorgehen. Gerade wenn es gilt, Raucherfältchen zu verbessern, nimmt man ganz geringe Einheiten. Andernfalls kann es sein, dass der Patient sonst beim Trinken, Küssen, Pfeifen etc beeinträchtigt ist. In dieser Region baut sich Botox auch schnell wieder ab. Man muss in kürzeren Abständen nachspritzen. Allerdings sollten drei Monate dazwischen liegen, sonst gewöhnt sich der Muskel an Botox, und es hilft nicht mehr.

C&C: Gibt es Unterschiede in der Haltbarkeit bei den verschiedenen Botox-Produkten?
Dr. Timm Golüke: Unterschiede in der Haltbarkeit bei den unterschiedlichen Herstellern sind durch Studien nicht zu belegen, obwohl manche Firmen das gerne behaupten. Die in Deutschland zugelassenen Botox-Präparate sind Azzalure (Galderma), Bocouture und Xeomin (Merz), Botox und Vistabel (Pharm Allergan), Dysport (Ipsen). Man sollte dem Arzt vertrauten, mit welchem Material er schon lange arbeitet und die besten Erfahrungen hat. Ist man als Arzt zufrieden mit einem Produkt, bleibt man dabei: never change a winning team.

C&C: Wie teuer ist eine Spritze?
Dr. Timm Golüke: Bei den Mundwinkeln muss man mit 80 Euro rechnen. Sonst kann man von einem Mittelwert ab 150 Euro je nach Material und Aufwand ausgehen. Um die Schweißdrüsen zu lähmen, benötigt man viel Material, ist deshalb auch teuer. Kostet ab 600 Euro für beide Achseln, Hände oder Füsse.

C&C: Was muss man nach einer Botox-Behandlung beachten?
Dr. Timm Golüke: Wir empfehlen an dem Tag keinen Sport zu machen und keine Kopfüber-Bewegungen wie beispielsweise beim Yoga. Im Augenbereich sollte man beim Abschminken und Eincremen vorsichtig sein und nur nach oben wegstreichen, weil man nicht möchte, dass das Botox nach unten diffundiert. Das behandelte Areal zu massieren, ist Quatsch. Schwanger sollte man nicht sein und auch zeitgleich mit der Botox-Spritze keine Antibiotika einnehmen. Die lähmende Wirkung tritt in der Regel nach etwa zehn Tagen ein. Bei manchen dauert es mitunter 14 Tage. Je öfter man es macht, desto länger dauert es.

C&C: Gibt es Risiken?
Dr. Timm Golüke: Eigentlich nur, wenn man zu einem unerfahrenen Anwender geht. Die Hauptrisiken liegen im Stirnbereich. Wenn man zu nah an die Brauen spritzt, kann der Augenbrauenheber mit geschwächt werden, und somit entsteht ein müder Blick. Eine am Mund zu hoch gewählte Dosierung kann beim Essen, Sprechen und Pfeifen behindern. Diese Beeinträchtigung kann 6-8 Wochen anhalten. Deshalb ist es immer besser, gerade bei der Erstinjektion konservativ vorzugehen, nach zwei Wochen einen Kontrolltermin machen und gegebenenfalls nacharbeiten. Dass die ungewollte Lähmungswirkung weniger lang anhält als normal, liegt daran, dass man Gegenbewegungen macht und nicht der Muskel getroffen wurde, der geschwächt werden sollte. Als Hilfsmaßnahme kann man Botox in den Gegenspieler-Muskel injizieren und den ebenfalls schwächen. Ein Gegenbotox wie die Hyaluronidase bei der Hyaluronsäure gibt es allerdings nicht.

Links:

Praxis Dr. Timm Golüke

Royal Fern Skin Care

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