Zwei Bayern gründen Duft-Mekka in New York


Eine amerikanische Erfolgsgeschichte

Mehr als 20 Jahre ist es her, seit Robert Gerstner und sein Freund Karl Bradl im New Yorker Greenwich Village-Viertel die Schatzkammer der Düfte „Aedes de Venustas“ gegründet haben. Ein Kult-Store in einer opulent-prächtigen Salon-Atmosphäre. Zwischen ausgestopften Pfauen, barocken Möbeln, antiken Kronleuchtern und überschwelgenden Blumen-Bouquets verkaufen sie fast ausschließlich europäische Duft- und Pflegeprodukte. Was in einer bohemian Souterrain-Location begann, ist heute in New York eine der bekanntesten Adressen für Duftfans. Celebrities wie Naomi Campbell, Sarah Jessica Parker, Meryl Streep & Co gehören zum Kundenstamm. Wer sich einmal wie Alice im (Duft-)Wunderland fühlen möchte, sollte den „Tempel der Schönheit“ auf seine To-Do-Liste schreiben.

Wie alles begann, hat mir Robert Gerstner vor kurzem in New York erzählt:

Karl stammt aus Vilshofen in Niederbayern, ich komme aus München. Dort habe ich bei einer internationalen Textilspedition gearbeitet. Als die jemand für das New Yorker Büro gebraucht haben, wurde mir der Job angeboten. Damals war ich 25 Jahre alt und dachte mir, wenn ich das jetzt nicht mache, würde ich es später vielleicht bereuen. Und Karl, der in der Reuschelbank im Lehel in München gearbeitet hat, war da dort ohnehin nicht besonders happy. Also wir sind nach New York umgesiedelt. Die Firma ist dann leider den Bach hinunter gegangen, aber wir sind trotzdem geblieben. Von der Abfindung konnten wir es uns leisten, uns erstmal in Ruhe umzuschauen, was wir in Zukunft machen wollten. Ein Freund aus Frankfurt hat dann einen Laden in New York eröffnet, das Dom NY, in Europa besaß er bereits zehn Läden. Er bot mir damals eine Ecke im ersten Stock an, wir sollten dort doch etwas mit Kerzen oder Düften machen. So kam eigentlich die Idee zustande. Denn Parfums waren schon immer ein Leidenschaft von Karl und mir. Auch bei Skin- und Bodycare waren wir beide richtige Junkies.

Aus diversen Gründen hat dieses Projekt dann doch nicht geklappt, aber Karl hat die Idee weiter verfolgt. Er trat in Kontakt mit Annick Goutal in Paris und einigen Parfümeuren, hat ihnen das Konzept vorgestellt, eingesessene europäische Artisanal-Linien in New York unter ein Dach zu bringen. Das gab es damals in der Form noch nicht. Wir haben dann mit drei europäischen Linien angefangen und nur einer amerikanischen. Sie heißt „Agraria“, wir führen sie heute noch als einzige US-Marke. Sehr bekannt sind ihre Bitterorange-Räucherstäbchen. Unser Konzept gefiel so gut, dass wir 1995 hier gegenüber unten im Basement Christoper Street 15 einen kleinen Laden eröffnet haben mit europäischen Firmen, die bis dahin kein Mensch in New York kannte. Eigentlich haben wir damit vor über 20 Jahren unbewußt ausgelöst, was heute die ganze Nischenkultur ausmacht. So ist aus unserem Hobby ein Beruf geworden. Wegen des Namens für unser Geschäft haben hin und her überlegt. Wir sagten uns, die Produkte sind überwiegend aus Europa – Italien, Frankreich, England. Also suchten wir einen Namen, der alles umfasst. Da kamen wir auf Latein, die Mutter aller Sprachen. Aedes de Venustas – Tempel der Schönheit. Ganz korrekt müsste es eigentlich Aedes Venustatis heißen. Viele haben uns am Anfang gesagt, was ihr da vorhabt, ist eigentlich eine Katastrophe: Einen Namen, den keiner aussprechen kann. Produkte, die keiner kennt. Und dann das Ganze noch in einem Souterrain-Laden im Schwulenviertel Village. Das kann nur schiefgehen. Doch das Gegenteil war der Fall.

Der Laden lief von Anfang an ganz okay. Das Schöne an den New Yorkern ist ihr „word by mouth“. Wenn einem was gefällt, wird es weitererzählt an die Freundin, und die erzählt es wieder weiter. Es kamen auch Leute zu uns, die viel gereist sind und „Czech and Speake“ oder „Santa Maria Novella“ bereits kannte. Karl meinte irgendwann, wir müssten unseren Laden promoten, um weiter zu kommen. Er kam dann auf die Idee, wenn wir ein Geschenk verpacken, packen wir einfach frische Blumen obendrauf. Blumen sind im Grunde genommen ja das Rohmaterial dessen, was sich als Duft im Geschenk befindet, sei es eine Kerze oder ein Parfum. Karl war schon immer sehr kreativ. Er macht übrigens auch den Blumenschmuck für Dinner-Events des französischen Labels Christian Dior und hat auch schon de Tisch für eine Weihnachtsfeier des britischen Königshauses geschmückt. Der 23jährige Junge ist damals also mit einem blumenverzierten Geschenk zur Vogue-Redaktion gefahren. Dort am Empfang fragte er nach der Beauty-Direktorin Amy Astley, die ihn dann auch tatsächlich empfangen hat. Sie war wohl ganz angetan von Karl, der ein schüchterner, scheuer Bube war. Sie fand unser Konzept interessant und versprach, irgendwann im Laden vorbei zu schauen. Tatsächlich ist sie bereits am nächsten Tag in der Christopher Street erschienen. Der Laden gefiel ihr so gut, dass sie sagte, sie hätte einen kleinen Platz in der November-Ausgabe der US-Vogue frei und würde über uns schreiben. Sie hat dann etwas über „Saint Barth“ geschrieben und über Augentropfen aus England, die wir damals geführt haben. Zu dem Zeitpunkt waren sie der absolute Hit in der gesamten Modebranche, bei allen Models. Weißmacher gegen gerötete Augen.

Noami Campbell hat das dann gelesen und kam zu uns in den Laden im Souterrain. Ich hatte Angst, dass sie sich den Kopf anstößt, weil die Decke so niedrig war. Sie schaute sich um und sagte: „Jetzt will ich erstmal meine Augentropfen und außerdem habt ihr alles, was ich mag.“ „Diptyque“ und „Santa Maria Novella“. Das war Ende November 1996. Sie fragte dann: „Macht ihr corporate accounts?“ Karl und ich haben uns angeschaut und genickt. Ab sofort machten wir einen speziellen Order- und Lieferservice für Kunden. Dann wurde auch gleich ein Zettel geholt, und Naomi hat geordert: Für Mister Armani diese Kerze, für den Fotografen Steven Meisel eine andere und wieder etwas anderes für Valentino. So hatten wir nach zwei Stunden das Who-is-Who der Fashion-Industrie auf unserer Liste und haben sie alle mit Geschenken und der Blumenverpackung beliefert. Danach kamen große PR-Agenturen dazu, die auch solche Accounts wollten. Das hat uns eigentlich bekannt gemacht. Naomi war unsere erste große Celebrity. Damals stand sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie war ein Trendsetter. Was Noami gemacht hat, wollten alle. Durch sie kamen immer mehr Celebrities, Schauspieler wie Sarah Jessica Parker. Diese Leute sind sehr loyal. Seitdem kommen sie immer wieder zum Weihnachtsgeschäft zu uns. In der Regel bestellen sie Kerzen. Zu Steven Meisel geht Karl in die Agentur und bespricht alles. SJP kommt meist im Oktober in den Laden, und ich gehe mit ihr durch, wem sie was schenken will. Sie gibt mir eine Liste, da stehen die Beträge darauf, und ich suche dann die Präsente dazu aus. Es kann schon sein, dass eine Kerze auf 500 Dollar kommt, wenn sie z.B. an die Chefredakteurin der US-Vogue Anna Wintour geht. Das sind dann aber schon von 5-Kilo-Kerzen von „Cire Trudon“ mit Golddekor und 10 Dochten. Beliebt sind auch die „Fornasetti“-Kerzen im Keramik-Container für 200 Dollar. Die werden uns buchstäblich aus der Hand gerissen.

Noami Campbell hat das dann gelesen und kam zu uns in den Laden im Souterrain. Ich hatte Angst, dass sie sich den Kopf anstößt, weil die Decke so niedrig war. Sie schaute sich um und sagte: „Jetzt will ich erstmal meine Augentropfen und außerdem habt ihr alles, was ich mag.“

Unsere eigene Duftlinie „Aedes de Venustas“ startete zum 10jährigen Geburtstag des Ladens mit einer Kerze. Kerzen gehören zu den Produkten, die wir am meisten verkaufen, zu Weihnachten locker 3000 Stück. Wir hatten eigentlich vor, mit Diptyque eine Kollaboration zu machen. Die alten Inhaber hatten eigentlich schon zugesagt, dann wurde das Unternehmen verkauft und der neue Besitzer wollte das Projekt nicht mehr. Daraufhin haben wir einen Parfümeur angeheuert. Bertrand Duchaufour, damals noch ein ganz junger upcoming Createur, ist heute ein Meister-Parfümeur. Er hat mit uns einen Duft gemacht hat für eine Aedes-Kerze in einer Auflage von 1000 Stück. Sie kam so gut an, dass wir sie immer noch führen. Der erste Aedes-Duft kam 2012 dazu. Es war naheliegend, ihn wieder mit Bertrand Duchaufour zu komponieren. Zwischen uns hat von Anfang an die Chemie gestimmt, und der erste Duft musste etwas Außergewöhnliches werden. Betrand ist ein Mensch, der versteht, was wir wollen. Wir können ja nur eine Geschichte erzählen. Der Parfümeur muss sie entsprechend umsetzen und in einem Parfum widerspiegeln. Unser Briefing ist immer ein Storytelling, eine Geschichte zu einem Parfum, warum wir es auf den Markt bringen wollen. Karl kreiert dazu ein Moodboard. Der erste Duft, unser Signature-Duft, hat auch keinen eigenen Namen. Er heißt ganz einfach wie der Laden „Aedes de Venustas“, in Kooperation mit L‘Artisan Parfumeur. Wir mögen sehr gerne Weihrauch. Parfum kommt von profumare im Lateinischen, und das heißt brennen. Weihrauch verbrennen, um die Götter wohl zu stimmen. Daher kommt ja der Begriff Parfum. Unser Laden spiegelt es wider – das Dunkle, Opulente.

Robert und Margit mit dem Aedes de Venustas-Flakon

Für uns ist Weihrauch eine Art roter Faden, deshalb musste der erste eigene Duft auch ein Weihrauch-Parfum sein. Wir wollten ein Parfum, das es in der Form vorher noch nicht gegeben hat. Da kam Bertrand mit der Idee, etwas zu kreieren, was nicht in der klassischen Duftpyramide aus Kopf-, Herz- und Basisnote aufgebaut ist. Er sagte, er würde die Kopf- und Basisnote miteinander verbinden und alle anderen Facetten darum herum bauen. Das erzeugt ein völlig neues Dufterlebnis, wenn man das Parfum riecht. Und er hat uns noch etwas vorgeschlagen, einen Accord aus Rhabarber. Rhabarber war bis dahin als Hauptinhaltsstoff für einen Duft noch nie verwendet worden. Er schlug vor, dass wir es mit dieser Konstellation Rhabarber, Weihrauch und ohne Pyramide einfach mal zu arbeiten anfangen. Wir sagten. „Okay, das klingt gut.“ So entstand tatsächlich der erste Duft, der völlig anders aufgebaut war. Als ich das fertige Parfum der Beautydirektorin von Vanity Fair gezeigt habe, hat sie ihn gerochen und rief: „Wow, it‘s alive.“ Er entwickelt sich anders als gewohnt. Man riecht in den ersten Sekunden den Kopf, dann ist aber auch schon gleich die Basisnote da. Es passiert so viel, weil alle Aromen ineinander aufgehen. Das war für uns genau richtig. Was wir auf keinen Fall wollten, war ein Duft, von dem die Leute sagen: „Das erinnert mich an…. oder es riecht wie…“.

Acht Versionen gibt es inzwischen von Aedes de Venustas. Alle Parfums in der runden, voluminös-sinnlichen Flasche enthalten einen vollkommen individuellen Duft. Für jeden ist die Muse eine Pflanze. Bei unserem zweiten Duft „Iris Nazarena“ ist es die Irispflanze, die nur in Israel wächst in den Bergen um Nazareth herum. Die israelische Post hat sie als Briefmarkenmotiv. Die hat Karl gesehen und war sofort von der Farbe besagter Schwertlilie fasziniert. Leider ist die Pflanze geschützt, und wir durften sie nicht importieren. Aber aus dieser Briefmarke ist das Moodboard entstanden. Unser vierter Duft „Copal Azur“ basiert auf Tulum in Mexiko. Wenn man dort ankommt, sieht man die ganzen alten Maia-Tempel. Dort wird nonstop der Copal, ein bernsteinfarbenes Räucherharz, verbrannt. Diese antike Schwere schwebt ständig in der Luft. Auf der anderen Seite hat man das Meer, das Salz, den Strand, die Früchte. Das ist der Kontrast, den wir einfangen wollten. Karl hat auch hier wieder ein Moodboard erstellt, das wir an Bertrand geschickt haben. Der war gerade in Indien unterwegs, hat aber innerhalb einer halben Stunde geantwortet, dass er bereits genau wisse, wie der Duft werden muss.

Inzwischen hat man von der Technologie her ganz neue Möglichkeiten, Düfte zu kreieren. Headspace ist eine davon. Eine wahnsinnig interessante Erfindung, bei der im Labor ein Duft nachgeahmt werden kann. Dafür wird lediglich ein Glaskolben mit einem geruchsneutralen Gas gefüllt und der Duft von einer Blüte oder auch einem Gegenstand wie einem weißen Hemd aufgefangen, analysiert und nachgebaut. Oder jetzt die synthetischen Moleküle. Wenn Parfumhäuser ihre eigenen Captives kreieren, können sie diese zehn Jahre lang exklusiv einsetzen bevor sie in den Markt gehen. Das ist zum Beispiel die Basis der „Nomenclature“-Düfte. Die Linie beruht auf der Idee, Design und Parfum-Chemie zu kombinieren und zu zelebrieren. Karl hat dafür als unabhängiger Creative Director mit dem Designer Carlos Quintero zusammengearbeitet. „Lumen_esce“ beispielsweise duftet nach Geheimnis und Magie, nach Inspiration und Erhabenheit. Synthetische Moleküle sind die Hauptakteure, kombiniert mit der frischen Essenz von Veilchenblättern und dem betörenden Duft einer Blumenwiese, in der Freesie, Jasmin, Iris und Rose blühen. Quintero sagt: „Parfums sind Kunst, nicht einfach Kompositionen.“ Und das ist auch das Erfolgsgeheimnis unseres Ladens.

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