Beauty-Eingriffe: Wohl oder Wahn?

Nicht jeder mag oder kann zu seinem Aussehen stehen und sagen „Ich bin so wie ich bin“. Dann muss ein Beauty-Eingriff her. Geht er gut, sieht man „nicht gemacht“ aus. Geht er allerdings schief, bekommt man sein vermurkstes Gesicht nicht zurück. Dafür gibt es bereits einige prominente Beispiele.

Einige Prominente geben inzwischen sogar öffentlich zu, dass bei einem Beauty-Eingriff etwas schiefgegangen ist – nicht zuletzt, weil es sich einfach nicht mehr verbergen lässt. Eine davon ist Linda Evangelista, das Topmodel der 90er Jahre. Die Schönheit von einst ist kaum wiederzukennen. Eine Beauty-Operation vor fünf Jahren hat sie nach eigener Aussage derart entstellt, dass sie sich jahrelang kaum vor die Türe traute, in Depressionen verfiel und natürlich auch in ihrem Beruf keine Jobs mehr bekam.

Auch die als sehr selbstbewußt bekannte Schauspielerin Jamie Lee Curtis, die sich früher immer vehement gegen den Optimierungswahn in Sachen Beauty ausgesprochen hatte, konnte irgendwann nicht mehr widerstehen. Der Auslöser war ein Film-Regisseur, der nicht mit ihr drehen wollte, weil ihm ihre Augen „zu dick“ waren. Curtis ließ der Natur nachhelfen und begab sich das erste Mal unters Messer. Auch sie ist kein gutes Beispiel für einen gelungenen Eingriff. Mit ihrem Geständnis will sie, wie sie selbst sagt, vor allem junge Menschen warnen. Sie sollen sich nicht von vermeintlichen Social Media-Idealen zu einem Beauty-Eingriff verleiten lassen. „Hat man sein Gesicht einmal vermurkst, bekommt man es nicht zurück“, so Curtis.

Mehr Beauty-Eingriffe bei jüngeren Frauen

Schaut man sich die Statistik an, dann steigen tatsächlich die Zahlen an Beauty-Eingriffen vor allem bei jungen Frauen. Von den 29-39jährigen sind sie laut einer aktuellen Studie von Merz Aesthetics von 3,5% auf 29,1% angewachsen bei Fillern und ähnlich stark bei Botulinumtoxin. Die Zahlen einer Auswertung der International Society of Plastic Surgery (ISAP) beziffern es noch genauer: Mit 457 Botox-Injektionen pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland bei diesem Beauty-Eingriff auf Platz 5 weltweit. Im globalen Schönheits-OP Vergleich belegen wir Platz 8. Besonders gefragt sind neben Botox- und Hyaluronsäure-Injektionen auch Brust-OPs. Bei den Brust-Vergrößerungen liegt Deutschland mit 80,56 Operationen pro 100.000 Einwohner nur knapp hinter den USA auf Platz 8. Spitzenreiter ist Belgien. Ebenfalls an achter Stelle rangiert Deutschland bei den Po-Vergrößerungen. Im Jahr 2020 wurden hierzulande 4.490 Augmentationen an diesem Körperteil durchgeführt.

Durch TikTok & Co. ist auch die Nachfrage nach dem Beauty-Eingriff gestiegen, den man sehr passend als „Duckface“ bezeichnet. Gemeint ist mit dem „Entengesicht“ eine Schnute, also volle Lippen, dazu betonte Wangen und eine verschmälerte Gesichtskontur. Imitieren lässt sich dieser Look mit vorgewölbtem Mund und mittels Muskelkraft eingezogenen Wangen – so wie man in den Kindertagen der Selfies vor der Handy-Kamera posiert hat. Inzwischen können diese Veränderungen durch Injektion von Hyaluronsäure mit Haltbarkeiten zwischen sechs und 12 Monaten erlangt werden. Noch aktueller ist die „Lip-Flip“-Methode. Dabei spritzt der Arzt Botulinumtoxin in die Muskeln oberhalb der Lippe. Er erreicht damit eine gezielte Lähmung dieser Partie, wobei sich die Lippe leicht nach außen wölbt. Aber Vorsicht, schon eine geringe Überdosis kann einen „verkrampften“ Gesichtsausdruck auslösen. Und nicht alles, was auf Fotos gut aussieht, tut es auch in natura.

Schlimmer geht es nicht

Eine der absurdesten Beauty-Ideen hatte der TikTok-User Jerry Mal (33,3 K Follower). Er hatte sich bis dato alles mögliche auf seine ohnehin schon vollen Lippen geschmiert, um sie noch praller aussehen zu lassen. Dann kann er auf den Einfall, eine Erektionscreme auf den Mund aufzutragen, was eine allergische Reaktion bei ihm hervorrief und seine Lippen anschwellen ließ. Er bekam heftige Schmerzen, so dass er die Creme nach wenigen Minuten wieder abnehmen musste. Dennoch brachte es ihm vier Millionen Clicks ein. Mediziner können vor solchen Methoden nur warnen.

Tatsächlich wenden sich häufig Frauen an einen Arzt, weil sie aussehen wollen wie ihr eigenes Selfie mit Beauty-Filter. Oder sie wünschen sich die Lippen von Model Rosie Huntington-Whiteley, die allerdings von Natur aus einen üppigen Mund hat. Als Schnitt-Vorlage dient gerne auch der Po von Jennifer Lopez oder der flache Bauch von Gisele Bündchen. Pamela Anderson ist das gefragteste Beauty-Vorbild von Frauen, wenn es um Brust-OPs geht.

Dass man Copy-and-Paste auch auf die Spitze treiben kann, sieht man an der Texanerin Claudia Sierra. Nach neun Schönheitsoperationen sieht sie aus wie ein Abziehbild von Melania Trump. Sie gibt zwar zu, dass ihr verändertes Spiegelbild ihr heute noch manchmal fremd sei, sie sich aber mit dem Aussehen der ehemaligen First Lady wohler fühle. Dieser Auswuchs einer gestörten Körperwahrnehmung ist bereits pathologisch, die Ärzte bezeichnen es als Dysmorphophobie. Chirurgen berichten bereits von dem Phänomen der, „Snapchat-Dysmorphophobie“, dem zwanghaften Verhalten von stundenlangem Grübeln über vermeintliche Problem-Zonen und einem daraus resultierenden Rückzug aus dem Sozialleben. Doch das ist keine alleinige Erscheinung unserer Zeit. Der italienische Neurologe Enrico Morselli beschrieb bereits 1886 verschiedene Fälle von Dysmorphophobie.

Dysmorphophobie, das verlorene Ich

Über die Ursachen der Dysmorphophobie, der eingebildeten Hässlichkeit, existieren die unterschiedlichsten Theorien. Dabei ist von Kindheitstraumata die Rede oder Erfahrungen, die einen Menschen zu dem Schluß brachten, dass äußere Makellosigkeit essenziell sei. Forscher der University of California wiesen nach, dass solche Personen visuelle Eindrücke im Gehirn anders verarbeiten als gesunde Menschen. Dr. Torsten Kantelhardt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) sagt dazu: “Betroffenen ist mit Eingriffen in der Regel nicht zu helfen. Sie sind mit den Ergebnissen meist unzufrieden und entwickeln oft eine regelrechte OP-Sucht.“

Die Empfehlung des Verbands an ihre Mitglieder lautet deshalb: wegschicken, auch wenn es in solchen Fällen dann schon mal zu wüsten Beschimpfungen der verschmähten Patienten kommt. Anders in den USA. Dort zählen solche Fälle einfach zu den Stammkunden. In der Schönheitsklinik des New Yorker Chirurgen Norman Rowe stehen Melanias Wangenknochen oder Ivankas Kinn ganz oben auf der Wunschliste operationswilliger Amerikanerinnen. Sein Kollege Franklin Rose bietet in Houston, Texas, sogar ein “Melania Makeover” als Komplettpaket an.

Konservieren statt reparieren

Beauty-Ärzte mit Verantwortungsbewusstsein sprechen heute eher von Schönheit konservieren statt reparieren. Das Ziel eines gelungenen Eingriffs, vor allem bei Unterspritzungen sollte sein, das zu bewahren, was man hat. Spricht man von Korrektur, impliziert das immer einen Makel, der beseitigt werden soll. Und Korrekturen verändern nun mal, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Da stellt sich die Frage, ist es legitim, den eigenen Körper zu manipulieren? Und beginnt das beginnt nicht schon bei der Wimperntusche, geht weiter über Sport bis hin eben zu Schönheitsoperationen? Und warum hadert man eigentlich mit der eigenen Nase, mit zu wenig Busen, zu viel Bauch oder den kräftigen Oberschenkeln?

Zu diesem Thema äußerst interessant sind die Ansichten der österreichischen Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner, die zu ‚ekligen’ weiblichen Körpern und Body Positivity an der Universität Wien promoviert hat. Sie sagt, dass „Body Positivity“ heute oft missverstanden werde, wenn man an deren Urspruch denkt. Es war die Frauenbewegung und Fat-Acceptance-Bewegung in den 60er- und 70er-Jahren, die diesen Begriff prägten. Damals ging es vor allem gegen die Diskriminierung von beispielsweise dicken Menschen, die in der medizinischen Versorgung vernachlässigt wurden. Heute steht es als Hashtag unter jedem Bikinifoto.

Hadern mit dem eigenen Aussehen

Aufgrund dieses falschen Verständnisses suchen viele Menschen den Fehler bei sich selbst, dem Nicht-Akzeptieren-Wollen eines nicht idealen Aussehens. Nach dem Motto: „Wieso hadere ich immer mit meiner Nase? Wieso kann ich sie nicht einfach akzeptieren wie der vernünftige Erwachsene, der ich doch sonst bin?“ Lechners Antwort darauf: „Wer mit dem eigenen Körper unzufrieden ist, solle die Schuld nicht bei sich suchen – sondern lieber erkennen, welche systemischen Probleme mit Schönheitsidealen verbunden sind.“

Lechners Meinung nach sei Schönheit in unserer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft vor allem ein Weg, um „immer neue Profite zu machen“. Und es stimmt schon. Ein Körperteil wird zum Makel erklärt und flugs kommt das passende Produkt oder eine Technologie auf den Markt, die diesen zu beheben. Lechner gibt zu, dass das zwar keine neue Erkenntnis ist, aber vielleicht ganz hilfreich, um sich nicht mehr von jedem Werbeversprechen einlullen zu lassen. Sie schlägt vor, man solle sich klarmachen, warum man mit bestimmten Features seines Körpers hadert – ist es des Kapitalismus und des Patriarchats wegen?

Es geht keinesfalls darum, jegliche „Arbeit“ am eigenen Körper zu verteufeln, sondern um einen „emanzipierten Umgang mit der Schönheit“. Liegt ein echter Leidensdruck vor, ist es legitim, diesen Zustand zu beenden, egal ob mit oder ohne Skalpell. Doch wenn es allein um eine ansprechende Optik geht, ist es in der Regel die bessere Entscheidung, sein Aussehen möglichst lange zu konservieren und nicht zu (über-)korrigieren.

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