Von wegen allein auf Kreuzfahrt …


1241 Pärchen und ein Heiratsantrag

Okay, Kreuzfahrten polarisieren! Während die einen schon beim bloßen Gedanken daran panisch werden, gerate ich ins Schwärmen: entspannte Tage auf hoher See, Kultur in erträglichen Dosen, idyllische Inseln, weiße Sandstrände, Palmen und abends bei einem Drink den Sonnenuntergang genießen. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als stundenlang stupide auf das glitzernde Meer zu gucken, Schaumkrönchen zu zählen und dabei in den totalen Entspannungsmodus umzuschalten – notfalls auch ganz alleine. Also Leinen los und mit der „Mein Schiff 4“ Mittelamerika entdecken. 14 Tage von der Dominikanischen Republik über Jamaika, Mexiko, Belize, Honduras, Costa Rica und Panama nach Kolumbien.

In der Warteschlange für  den Flug nach La Romana in der Dominikanischen Republik kommen mir dann doch ein paar Zweifel. Um mich herum lauter gutgelaunte Pärchen – einige davon sogar im harmonischen Partnerlook. Alleinreisende? Fehlanzeige. Schon jetzt spüre ich die fragenden, manchmal auch mitleidigen Blicke, die mich mustern: „Ist die etwa alleine unterwegs?“ , „Hat die etwa keinen abbekommen?“ signalisieren sie mir. Zugegeben, ein wenig komisch komme ich mir nun schon vor, aber da muss ich jetzt durch! „Reist noch jemand mit Ihnen?“ fragt mich dann auch noch die Dame am Check-in. „Nein, ich bin alleine“, entgegne ich fast schon ein wenig verschämt. Und auch die ältere Dame, die schließlich neben mir im Flieger sitzt, kann ihre Neugier irgendwann nicht mehr zügeln: „Gehen Sie denn ganz alleine aufs Schiff?“, will sie wissen.

Fakt ist: Die meisten der knapp 2500 Gäste auf dem Schiff sind Pärchen. Aber TUI-Cruises hat ein Herz für Alleinreisende – und vorgesorgt. Gleich am zweiten Tag gibt es ein Treffen für Einzelreisende. Im Theater! Ein wenig zu gut gemeint, denn die sage und schreibe fünf von 18 Alleinreisenden an Bord, die zum Treffen kommen, wirken in dem riesigen Saal ziemlich verloren. Da sind Ursula, eine flotte Mittsiebzigerin mit nordischem Akzent; Charlotte, die seit dem Tod ihres Mannes mehr oder weniger auf Kreuzfahrtschiffen wohnt; Christoph, dessen Frau die Reise einen Tag vor Abflug wegen einer Krankheit ihrer Mutter absagen musste, und ein etwas kauziger Typ mit Panama-Hut.

Auch im à la carte-Restaurant „Atlantic“  gibt es abends einen Tisch, der ausschließlich für Alleinreisende reserviert ist, aber eigentlich habe ich keine Lust auf Smalltalk. Also wähle ich das Buffet-Restaurant. Hier hat man die Qual der Wahl: Neben dem normalen Buffet gibt es z.B. eine Wok-Station, an der man sich die Zutaten selbst zusammenstellen kann, die „Fit und Gesund“-Ecke mit Salatbar, Gemüse, Steak und Fisch und sogar einen Ableger von Gosch Sylt, dem kultigen Fischrestaurant von der Insel. Ich suche mir ein stilles Plätzchen mit Meerblick, stelle schon mal mein Getränk ab und mache mich auf in Richtung Buffet. Als ich zurückkomme, ist mein Platz jungfräulich, der Tisch gewischt, das Glas weg… Also noch einmal in Richtung Getränketheke. Beim zweiten Versuch bin ich tatsächlich schneller als der Ober. Am nächsten Abend steht zwar mein Glas noch an seinem Platz, dafür hat es sich ein Paar an dem kleinen Zweiertisch gemütlich gemacht … Immerhin für mich eine Möglichkeit, mit Mitreisenden ins Gespräch zu kommen – wenn man es denn will. Mit der Zeit entwickle ich neue Strategien, frage die Nachbarn, ob sie kurz freihalten könnten oder balanciere gleichzeitig Glas, Besteck und Teller durch das Restaurant.

Als mein schwimmendes Zuhause auf Zeit nach zwei Wochen wieder in La Romana anlegt bin ich tiefenentspannt und fast schon ein wenig wehmütig. Allein auf’s Schiff? Immer wieder! Denn ich habe nicht nur tolle neue Freunde gewonnen – sondern auch meinen besten Freund aus Kindertagen sozusagen wiedergefunden. Nach 40 Jahren!

An Tag drei legen wir in Ocho Rios auf Jamaika an.  Ich habe mich für einen Bike-Ausflug angemeldet. Und, wie sollte es auch anders sein: Die Teilnehmer sind fünf Pärchen – und ich. Zunächst geht es entlang der Hauptstrasse durch das kleine Städtchen. „Yo Mon“, rufen uns die Einheimischen grinsend zu als wir klingelnd an ihnen vorbeisausen, und schnell sind auch wir infiziert: „Yo Mon!“. Kurz darauf windet sich die Straße über unzählige Kurven den Berg hinauf durch die herrliche Landschaft. Trotz Schnappatmung von der Anstrengung ist die Stimmung toll – vielleicht auch deshalb, weil eine süßlich riechende Dunstglocke die ganze Insel zu umhüllen scheint. „ Rastafaris dürfen keinen Tabak rauchen, deshalb hat hier sozusagen jeder seine kleine Marihuana-Plantage“, erklärt uns unser Bike-Guide Flo. Auf der Rückfahrt zum Schiff legen wir einen Zwischenstopp in einer Kirche im Kolonialstil ein. Es ist Sonntag und gerade Gottesdienst. Zwei Jamaikanerinnen im Feiertagssoutfit winken mir zu und bitten mich, zwischen ihnen Platz zu nehmen. „Where do you come from?“, raunt mir die eine fragend ins Ohr und, was ihr noch viel wichtiger zu sein scheint, „where is your husband“?  Eine Frage, die sozusagen zum Leitspruch meiner Reise geworden ist. Auch am nächsten Tag, als ich auf eigene Faust Montego Bay erkunde. Als ich ein Foto von der wohl buntesten Kneipe der Welt machen will, wird die gerade von einem Rastafari aufgesperrt. „Welcome back home“, ruft er mir fröhlich zu. Ich entgegne, dass ich nicht auf Jamaika wohne, da schmettert er schon sein Angebot hinterher: „Warum bleibst du dann nicht hier, heiratest mich und lebst mit mir …“ Hm, was für eine Option. Ich fühle mich schon fast ein wenig geschmeichelt… Aber das ist dann doch nichts für mich! Von der hohen Kriminalität auf Jamaika habe ich glücklicherweise nichts mitgekriegt. Trotzdem sollte man sich bei Besuchen in der Hauptstadt Kingston, aber auch in den städtischen Bezirken der Touristenzentren Montego Bay, Negril und Ocho Rios an die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes halten.

Meine einsamen Tage auf „Mein Schiff 4“ sind trotzdem schnell gezählt. Inzwischen habe ich tatsächlich ein paar Freunde an Bord gefunden. Wir verabreden uns zur Sauna, zum Sport, zum Essen, sehen uns im Freiluftkino einen Film an oder treffen uns abends an einer der unzähligen Bars auf einen Cocktail. Ganz zwanglos und ohne Verpflichtungen. Für mich die absolut perfekte Mischung, denn ich genieße meine Unabhängigkeit von Tag zu Tag mehr. Alleine oder einsam habe ich mich nie wirklich gefühlt. Höchstens am ersten Abend, als ich all die glücklich wirkenden Pärchen Arm in Arm über das Deck flanieren sah. Da wurde mir schon ein wenig wehmütig ums Herz. Aber jetzt genieße ich mein Single-Dasein sogar. Endlich kann ich machen, worauf ich gerade Lust habe, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Mich verabreden, wenn mir nach Gesellschaft ist, oder einfach nur auf meinem Balkon die Ruhe genießen, ein Buch verschlingen oder eben stupide auf das glitzernde Meer starren.

Als mein schwimmendes Zuhause auf Zeit nach zwei Wochen wieder in La Romana anlegt bin ich tiefenentspannt und fast schon ein wenig wehmütig. Allein auf’s Schiff? Immer wieder! Denn ich habe nicht nur tolle neue Freunde gewonnen – sondern auch meinen besten Freund aus Kindertagen sozusagen wiedergefunden. Nach 40 Jahren! „Ich kannte mal jemanden aus Coburg“ hatte ich einem Paar aus Coburg erzählt und erhielt eine überraschende Antwort: „Na klar, den kennen wir auch. Und zwar ziemlich gut, denn mit dem spielen wir Golf“!

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