Toxische Männlichkeit: Warum wir Männer kritisieren statt ihnen Orientierung zu geben
Mansplaining. Manspreading. Male Privilege. Toxic Masculinity. Wir haben inzwischen erstaunlich viele Begriffe dafür erfunden, was Männer angeblich alles falsch machen. Was wir dagegen kaum noch erklären können: Was macht eigentlich einen guten Mann aus? „Und genau das halte ich für eines der größten Probleme unserer Zeit“, sagt Mateo Diem von FlirtForschung.
Männlichkeit heute. Ein junger Mann bekommt ziemlich zuverlässig erklärt, wie er nicht sein soll. Nicht zu dominant. Nicht zu hart. Nicht zu laut. Nicht zu bestimmend. Nicht zu emotional verschlossen. Bloß nicht übergriffig. Bloß nicht „toxisch“. Okay. Verstanden. Aber wie soll er sein?
Stark oder sensibel? Durchsetzungsfähig oder zurückhaltend? Soll er führen oder sich möglichst nicht in den Vordergrund stellen? Soll er eine Frau ansprechen und Initiative zeigen oder lieber warten, um keine Grenze zu überschreiten? Wir produzieren eine Generation von Männern, die bei jedem zweiten Schritt darüber nachdenken soll, ob ihr Verhalten möglicherweise problematisch ist. Und dann wundern wir uns ernsthaft darüber, dass viele von ihnen keine Ahnung mehr haben, wer sie sein wollen.
Toxische Männlichkeit?
Vielleicht haben wir kein Problem mit zu viel Männlichkeit. Vielleicht haben wir ein Problem damit, dass wir jungen Männern kaum noch eine positive Vorstellung davon vermitteln, was Männlichkeit sein kann. Was soll „toxische Männlichkeit“ eigentlich sein? Mit dem Begriff „toxische Männlichkeit“ konnte ich noch nie besonders viel anfangen.
Nicht, weil Männer sich nicht beschissen verhalten können. Natürlich können sie das. Männer können aggressiv, manipulativ, feige, verantwortungslos oder respektlos sein. Dann sollten wir genau das benennen. Ein rücksichtsloser Mann ist rücksichtslos. Ein gewalttätiger Mann ist gewalttätig. Ein Arschloch ist ein Arschloch. Warum muss daraus ausgerechnet eine Eigenschaft von Männlichkeit werden?
Das Problem beginnt für mich dort, wo völlig normale männliche Eigenschaften zunehmend behandelt werden, als müsste man sie erst einmal gesellschaftlich entschärfen. Wettbewerbsdenken. Ehrgeiz. Durchsetzungsfähigkeit. Körperliche Stärke. Risikobereitschaft. Statusorientierung. Der Wunsch zu führen, zu gewinnen, zu beschützen, zu versorgen und Verantwortung zu übernehmen.
Demontierte Männerbilder
Ja, jede dieser Eigenschaften kann falsch eingesetzt werden. Natürlich. Stärke kann zu Gewalt werden. Führung kann zu Kontrolle werden. Ehrgeiz kann Menschen rücksichtslos machen. Aber daraus folgt doch nicht, dass die Eigenschaft selbst schlecht ist. Ein Messer kann Brot schneiden oder jemanden verletzen. Niemand diskutiert deshalb über toxische Messer.
Entscheidend ist nicht, ob ein Mann stark ist. Entscheidend ist, was er mit seiner Stärke macht. Wir haben Männer dekonstruiert und die Bauanleitung weggeworfen. Ich glaube, wir haben in den vergangenen Jahren einen entscheidenden Fehler gemacht. Wir waren sehr gut darin, alte Männerbilder auseinanderzunehmen. Teilweise zu Recht. Aber wir waren verdammt schlecht darin, danach etwas Brauchbares an ihre Stelle zu setzen. Das Ergebnis sehen wir heute.
Viele junge Männer haben keinen Plan. Keinen Plan, wie sie mit Frauen umgehen sollen. Keinen Plan, wie sie Selbstvertrauen entwickeln. Keinen Plan, wie sie Verantwortung übernehmen. Keinen Plan, wie sie mit Ablehnung, Konkurrenz, Einsamkeit oder Niederlagen umgehen. Und das löst man nicht, indem man ihnen noch einen Vortrag darüber hält, welche Privilegien sie angeblich haben.
Ein orientierungsloser 22-Jähriger, der keine Freunde hat, bei Frauen unsicher ist, körperlich nichts aus sich macht, beruflich nicht vorankommt und morgens ohne Ziel aufsteht, braucht nicht noch mehr abstrakte Gesellschaftskritik. Er braucht eine Richtung.
Ein guter Mann ist nicht harmlos
Für mich bedeutet gesunde Männlichkeit auch nicht, möglichst ungefährlich, angepasst und konfliktfrei durchs Leben zu gehen. Ein guter Mann darf stark sein. Er soll sogar stark werden. Aber eben nicht nur körperlich. Er sollte in der Lage sein, einen kühlen Kopf zu behalten, wenn es schwierig wird. Entscheidungen zu treffen, wenn andere zögern. Verantwortung zu übernehmen, wenn etwas schiefgeht. Menschen in seinem Umfeld Sicherheit zu geben. Seine Familie zu versorgen. Grenzen zu setzen. Ein Nein auszuhalten. Versprechen einzuhalten. Seine Emotionen zu kontrollieren, statt jeden Impuls ungefiltert an seiner Umwelt auszulassen. Er soll etwas können.
Das klingt für mich wesentlich sinnvoller, als jungen Männern einzureden, sie müssten ihre Männlichkeit permanent darauf überprüfen, ob sie irgendwo anecken könnte. Denn Selbstbewusstsein entsteht nicht aus Selbstwertsprüchen. Selbstbewusstsein ist das Ergebnis von Kompetenz. Ich vertraue mir, weil ich erlebt habe, dass ich Probleme lösen kann. Weil ich meinen Körper kontrollieren kann. Weil ich Geld verdienen kann. Weil ich sozial kompetent bin. Weil ich Ablehnung überlebe. Weil ich Verantwortung tragen kann. Weil andere wissen: Wenn es schwierig wird, läuft der nicht weg. Das ist für mich männliche Stärke.
Wer keine Vorbilder anbietet, bekommt die falschen
Und damit kommen wir zu dem Punkt, an dem die ganze Debatte gefährlich wird. Junge Männer hören nicht auf, nach Männlichkeit zu suchen, nur weil Teile der Gesellschaft den Begriff unangenehm finden. Sie suchen sich ihre Antworten woanders. Im Internet gibt es genug Männer, die ihnen sehr einfache Antworten anbieten: Werde reich. Werde muskulös. Hol dir Status. Dominier andere. Sammle Frauen. Dann bist du ein Mann.
Dass solche Botschaften funktionieren, überrascht mich überhaupt nicht. Denn bevor wir uns darüber empören, wer dieses Vakuum füllt, sollten wir uns vielleicht fragen, wer das Vakuum geschaffen hat. Wenn ein junger Mann jahrelang hauptsächlich hört, was an Männern falsch ist, und plötzlich kommt jemand und sagt ihm: „Du darfst stark sein. Du darfst gewinnen wollen. Du darfst Frauen wollen. Du darfst erfolgreich sein. Du darfst ein Mann sein“, dann wird er zuhören. Das heißt nicht, dass alles richtig ist, was danach kommt. Es heißt nur, dass wir endlich verstehen sollten, warum diese Botschaften überhaupt auf so fruchtbaren Boden fallen.
Männer brauchen nicht noch mehr Kritik, sondern Orientierung
Vielleicht sollten wir also weniger Zeit darauf verwenden, immer neue Begriffe dafür zu finden, was Männer alles falsch machen. Und wieder anfangen, ihnen zu zeigen, was sie richtig machen können. Denn Orientierung entsteht nicht durch Kritik allein. Manchmal braucht es jemanden, der einem Mann ehrlich zeigt, wo er sich selbst im Weg steht, welche Fähigkeiten ihm fehlen und wie er Schritt für Schritt wieder Sicherheit entwickelt.
Gerade beim Dating werden diese Unsicherheiten besonders sichtbar. Wer Angst vor Ablehnung hat, sich verstellt, keine Grenzen setzen kann oder seinen eigenen Wert ausschließlich von der Reaktion einer Frau abhängig macht, hat selten nur ein Dating-Problem.
Genau deshalb verstehe ich meine Arbeit als Dating-Coach auch nicht als Anleitung dafür, wie Männer möglichst viele Frauen kennenlernen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Männer dabei zu unterstützen, sozial kompetenter, selbstsicherer und verantwortungsvoller zu werden. Dating ist dabei häufig nur der Bereich, in dem zuerst sichtbar wird, dass Orientierung fehlt.
Ein guter Coach kann einen Vater, einen Freund oder ein starkes männliches Vorbild nicht ersetzen. Aber er kann einen Raum schaffen, in dem ein Mann nicht dafür verurteilt wird, dass er noch keine Antworten hat, sondern lernt, sie für sich selbst zu entwickeln. Denn am Ende brauchen Männer keine weitere Liste mit Dingen, die sie nicht sein dürfen. Sie brauchen Menschen, die ihnen dabei helfen, herauszufinden, welcher Mann sie sein wollen.
Photos @mateo diem

C&C Autor
Er zählt zu den führenden Experten für modernes Dating und zeitgemäße Männlichkeit im deutschsprachigen Raum. Seit 2010 begleitet Mateo Diem Männer auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein, erfolgreicher Kommunikation und einem erfüllten Liebesleben. Als Gründer der Marke FlirtForschung steht er für einen wissenschaftlich fundierten und zugleich praxisnahen Ansatz, der authentische Kommunikation, emotionale Stärke und nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt stellt, statt kurzfristiger Dating-Tricks.






