Warum gute Texte manchmal leer bleiben
„Es gibt Texte, die sind klug, präzise und auf den Punkt – und trotzdem berühren sie mich nicht“, sagt Autorin Gabriele Ela Schellinger. Deshalb hat sie ihr Literaturunternehmen ELA – Herz & Wort gegründet. In diesem Artikel erklärt sie die Sehnsucht nach einer anderen Sprache in unserer ziemlich lauten Welt.
Texte sind mehr als nur Worte. „In den letzten Jahren erlebe ich etwas sehr Deutliches – in dem, was ich lese, in dem, was mir widergespiegelt wird und auch in dem, was Menschen mir nach Lesungen, beim Schreiben oder als Feedback zu meinen Büchern zurückgeben“, so Gabriele Ela Schellinger.
Sprache hat sich verändert. Sie ist schneller geworden, direkter, oft auch härter. Aussagen stehen klar im Raum, Positionen ebenso. Vieles ist darauf ausgelegt, sofort verstanden, eingeordnet und bewertet zu werden. Das hat seine Berechtigung, und in vielen Bereichen ist genau das notwendig. Und gleichzeitig entsteht etwas anderes. Eine spürbare Sehnsucht nach einer anderen Form von Sprache.
Texte zwischen Präzision und fehlender Verbindung
Ich begegne immer wieder Texten, die richtig gut sind. Klug, präzise, durchdacht – und dennoch erreichen sie mich nicht. Nicht, weil ihnen etwas fehlt, sondern weil sie keinen Spielraum lassen. Sie führen, sie erklären, sie bringen etwas auf den Punkt, aber sie lassen nichts offen. Genau dort beginnt für mich der Unterschied.
Was sich nicht festhalten lässt
Denn es gibt Dinge, die lassen sich nicht einfach auf den Punkt bringen, ohne dass sie dabei an Tiefe verlieren. Gefühle gehören dazu. Innere Prozesse. Diese feinen Verschiebungen, die sich oft erst im Nachhinein greifen lassen – wenn überhaupt. Je mehr man versucht, sie festzulegen, desto weiter entfernt man sich mitunter von dem, was sie eigentlich ausmacht.
Schreiben ohne Anspruch auf Vollständigkeit
…und was entsteht, wenn man nicht alles erklärt. Genau an diesem Punkt beginnt für mich eine andere Art von Sprache. Eine, die nicht alles umgehend erklärt. Eine, die nicht sofort verstanden werden muss. Eine, die nicht darauf abzielt, abgeschlossen zu sein.
Genau damit arbeite ich in meinen Texten. Und ich erlebe, dass viele Menschen sich darin wiederfinden. Nicht unbedingt, weil sie alles verstehen, sondern weil etwas in ihnen berührt wird, ohne dass es benannt werden muss.
Nicht Theorie, sondern Erfahrung – Augenblicke, die etwas verändern
Zweite Reihe links vorne – ein Moment in sich. Ich erinnere mich noch genau an die Lesung. In der zweiten Reihe saß eine Frau. Während ich gelesen habe, habe ich aus dem Augenwinkel wahrgenommen, wie sie immer stiller wurde. Irgendwann griff sie in ihre Tasche, suchte kurz, zog ein Taschentuch heraus. Kein großes Weinen, kein Geräusch – eher dieses Zurückziehen, wenn etwas im Inneren getroffen wird. Ich habe weitergelesen. Und gleichzeitig war da dieser Augenblick zwischen uns.
Nach der Lesung kam sie zu mir. Sie stand erst einen Augenblick da, als müsste sie die richtigen Worte finden. Und dann sagte sie, dass sie sich in diesem Text so wiedergefunden hat, dass sie plötzlich wieder in einer Situation war, für die sie nie Worte hatte. Dass sie all die Zeit etwas gespürt hat, es aber nie greifen konnte. Und dass sie in diesem Moment zum ersten Mal das Gefühl hatte, Worte dafür zu haben.
Der entscheidende Unterschied
Ich habe sie angeschaut – und ich weiß noch genau, dass ich selbst Tränen in den Augen hatte. Nicht, weil ich etwas erklärt hätte. Sondern weil genau das passiert ist, worum es mir beim Schreiben geht. Sie hat einfach nur „Danke“ gesagt. Und dieser eine Moment hat mehr gesagt als jeder noch so ausgearbeitete Text.
In solchen Begegnungen geht es um mehr als Worte. Genau das fehlt vielen. Es fehlt nicht an Information – davon gibt es mehr als genug. Was fehlt, ist Verbindung. Eine Form von Sprache, die nicht nur durchgeht, sondern bleibt. Die nicht nur verstanden wird, sondern etwas bewegt. Ich bekomme das immer wieder gespiegelt. In Nachrichten, in Gesprächen, nach Lesungen. Menschen sagen nicht: „Ich habe alles verstanden.“ Sie sagen: „Ich habe mich darin wiedergefunden.“ Und das ist ein entscheidender Unterschied.
Warum Gedichte anders wirken – und was Lyrik möglich macht
Lyrik funktioniert nicht über Erklärung, sondern über Wirkung. Sie zeigt etwas und lässt gleichzeitig Raum – für eigene Gedanken, eigene Erinnerungen, eigene Gefühle. Genau darin könnte auch der Grund liegen, warum Lyrik gerade wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt. Viele Menschen sind müde geworden von einer Sprache, die nur funktioniert, von klaren Positionen, schnellen Urteilen und ständiger Einordnung.
Ein Gedicht verlangt das alles nicht. Es steht einfach da – und es reicht. Es braucht keine sofortige Antwort, keine Bewertung, keine Entscheidung. Es darf stehen bleiben. Und genau darin liegt eine Kraft, die in vielen anderen Bereichen verloren gegangen ist.
Wenn Lesen wieder Zeit braucht und sich nicht überfliegen lässt
Diese Art zu lesen ist ungewohnt geworden. Sie passt nicht in ein Tempo, das darauf ausgerichtet ist, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit aufzunehmen. Ein Gedicht lässt sich nicht überfliegen. Es fordert etwas anderes: Aufmerksamkeit, Präsenz, die Bereitschaft, sich für einen Moment nicht abzulenken. Möglicherweise ist genau das der Grund, warum es wieder gesucht wird. Weil es etwas zurückholt, das verloren gegangen ist. Nicht als Rückschritt, sondern als Ausgleich.
Wo Bedeutung entsteht, liegt die Veränderung
Ich glaube nicht, dass uns Worte fehlen. Ich glaube, uns fehlt oft der Raum zwischen ihnen. Und genau dort entsteht das, worum es eigentlich geht. Nicht im klar Formulierten, nicht im Perfekten, sondern in dem, was sich zeigt, wenn etwas nicht vollständig erklärt wird. Für mich ist das keine nostalgische Entwicklung. Es ist eine sehr gegenwärtige. Menschen suchen wieder nach Sprache, die nicht nur funktioniert, sondern verbindet. Die nicht alles vorgibt, sondern etwas entstehen lässt.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Veränderung: nicht noch mehr zu sagen, sondern wieder wahrzunehmen, was zwischen den Worten liegt.

C&C Autorin aus Meerbusch
Gabriele Ela Schellinger, genannt „Ela“, ist die Gründerin von ELA – Herz & Wort und eine moderne Stimme der deutschsprachigen Lyrik. Ihre klare, verdichtete Sprache verbindet psychologische Tiefe mit poetischer Präzision und schafft Worte für Gefühle, die oft schwer auszudrücken sind. Mit ihrer Gedichtreihe Herzzeitlos hat sie ein literarisches Format etabliert, das Menschen in persönlichen Wandelphasen Orientierung, Ausdruck und emotionale Klarheit schenkt. Ihre Leser schätzen ihre Fähigkeit, Unsagbares in präzise, berührende Zeilen zu verwandeln – Texte, die man fühlt und die bleiben.


