Wasser statt Alkohol – eine neue Parfum-Generation
Hört sich erstmal merkwürdig an. Haben wir doch gelernt, dass Alkohol für Parfums essenziell ist. Denn: Als Hauptlösungsmittel sorgt er für eine gleichmäßige Verteilung der enthaltenen Duftöle, für eine schnelle Verdunstung auf der Haut und gleichzeitig dient er als Konservierungsmittel. Doch eine neue Emulsionstechnologie macht Parfums auf Wasserbasis möglich. Ein Gewinn?
Wasser statt Alkohol. Warum hat sich die Parfum-Industrie in jüngster Zeit mehr und mehr darauf konzentriert, Alkohol aus ihren Duft-Kollektionen zu verbannen? Einige Marken (darunter Maison Sybarite, Hermetica, Brumée, The Water Brand) haben wasserbasierte Parfums sogar zu ihrer Signatur gemacht und Alkohol vollständig aus ihren Portfolios gestrichen. Traditionelle Häuser ergänzen ihre Klassiker mit alkoholfreien Variationen (nach Annick Goutal im Jahr 2018 folgten etwa „Terre d’Hermès“ Körperspray ohne Alkohol im Jahr 2021 oder „J’adore Parfum d’Eau“ von Dior im Jahr 2022).
Abschied vom Alkohol? Warum?
Alkohol wird zunehmend wegen seiner Auswirkungen auf Haut und Umwelt kritisiert. Er könnte künftig auch unter neue VOC-Regulierungen (flüchtige organische Verbindungen) fallen. Diese zielen darauf ab, den hohen Alkoholanteil (oft 65-75% in EdP/EdT) zur Verbesserung der Luftqualität und Verringerung der Ozonbildung zu begrenzen. Die sogenannten Eau de Cologne, Eau de Toilette oder Eau de Parfum tragen zwar „eau“ in ihrem Namen, enthalten tatsächlich meist nur einen geringen Wasseranteil.
Ethanol dominiert deren Formulierungen und ist – was oft vergessen wird – ihr Hauptbestandteil. Als Nachfolger des „Spiritus vini“, eines destillierten Weins zur Entfernung von Tanninen, bietet Alkohol tatsächlich zahlreiche Vorteile: Konservierung, Asepsis, Lösung aromatischer Moleküle und schnelle Verdunstung beim Auftragen. All das sind Gründe, weshalb Alkohol in Parfums lange Zeit unangefochten blieb. Zwar kannte die Parfum-Geschichte längst auch andere Trägerstoffe wie Öl oder sogar Essig mit adstringierenden Eigenschaften, doch Wasser setzte sich nie durch. Hauptgrund war, dass Duftkonzentrate ölhaltig und somit nicht wasserlöslich sind. Es musste daher eine Lösung gefunden werden, um beide Phasen miteinander zu verbinden.
Parfums auf Wasserbasis
Noch vor wenigen Jahren war es schwierig, ein Wasser-Parfum zu kreieren. Das wurde erst durch Fortschritte in der Emulsionstechnologie möglich. Frühere Generationen besaßen noch diesen hartnäckigem Klebeeffekt. Die neuen, wasserbasierten Düfte sind flüssiger und anwenderfreundlicher. Voraussetzung für wasserbasierte Parfums sind Tenside, auch Surfactants genannt. Diese in der Kosmetik weit verbreiteten Substanzen besitzen einen hydrophilen und einen lipophilen Teil, die es möglich machen, zwei nicht mischbare Phasen zu verbinden. Durch die Reduzierung der Grenzflächenspannung zwischen Öl- und Wasserphase entsteht eine homogene, zeitstabile Lösung. Je nach Partikelgröße und Transparenz kommen sie in Nano- oder Mikroemulsionen zum Einsatz. Nano-Emulsionen erscheinen milchig – wie bei Dior –, während Mikroemulsionen transparent sind (velvetvelo).
Die patentierte Aquafine-Technologie
Diese Mikroemulsionstechnologie hat das Duftstoffhaus Mane für seine 2005 patentierte Technologie Aquafine gewählt. „Es handelt sich um eine thermodynamisch stabile, transparente Mikroemulsion. Sie besteht aus zu 100 Prozent biologisch abbaubaren Inhaltsstoffen und wird mit einem energie- und CO₂-armen Herstellungsverfahren gewonnen“, erklärt Camille de Nanteuil, Leiterin Innovationsprojekte und deren Anwendungen in der Fine Fragrance bei Mane für Europa.“ Aquafine bietet derzeit den besten Formulierungskompromiss: hohe Duftkonzentration, ohne PEG-Solubilisatoren (Polyethylenglykol, verantwortlich für den viskosen Effekt) und ohne Phenoxyethanol (ein Konservierungsstoff, der bei bestimmten Dosierungen als endokriner Disruptor gilt), bei gleichzeitig hoher olfaktorischer und sensorischer Performance mit nicht klebrigem Hautgefühl.“
Herausforderung für Parfümeure
Das Arbeiten mit einer Wasserbasis stellt für Parfümeure eine technische Herausforderung dar. Véronique Nyberg, Vice President Fine Fragrance Creation bei Mane, bestätigt: „Es verändert die Formulierungsgewohnheiten. Man muss Reaktionen der Inhaltsstoffe mit dem Medium vermeiden. Wasser kann bestimmte molekulare Bindungen aufbrechen und Esterifikationen verursachen. Das sind unerwünschte Umwandlungen, die die Duftstoffe und ihren Geruch verändern. Deshalb muss die Dosierung einiger Inhaltsstoffe reduziert werden, die in alkoholischen Formeln üblicherweise stark eingesetzt werden.“
Nyberg: „Bei anderen Rohstoffen ist die Farbveränderung problematisch, da sie in Wasser nachdunkeln, etwa Patchouli oder Vanille. Man muss frühzeitig gemeinsam mit der Marke die Anforderungen der Produkt-Linie klären und entscheiden, ob Flakons transparent oder opak sein sollen.“
Um die Komposition zu erleichtern und Inkompatibilitäten vorauszusehen, hat Mane seit 18 Jahren eine Datenbank entwickelt, die Parfümeuren zur Verfügung steht. Sind kreative Einschränkungen bei der Entwicklung von wasserbasierten Parfums zu befürchten? Ganz im Gegenteil: „Mit Aquafine sind alle Duftfamilien möglich, das Ausdrucksspektrum ist sehr breit“, so Camille de Nanteuil. Auch die Duftentwicklung unterscheidet sich je nach Trägermedium: „linearer auf Wasserbasis“, wie Véronique Nyberg beschreibt – ohne den alkoholtypischen Kopfnote-Effekt, „doch Haltbarkeit und Persistenz sind absolut gegeben“.
Spezielle Anforderungen
Die Wasserbasis bringt auch Anforderungen an die Primärverpackung und ein präzises technisches Pflichtenheft mit sich. Da Wasser schwerer ist als Alkohol sind spezielle Pumpen notwendig, um eine feine Zerstäubung zu gewährleisten und die gewohnte Anwendungsgeste beizubehalten. „Wir entwickeln gemeinsam mit unseren Partnern Systeme für eine optimale Vernebelung“, erklärt Camille de Nanteuil.
Zudem erfordert die Wasserbasis – im Gegensatz zu Alkohol, der Keime eliminiert – besondere Vorsichtsmaßnahmen: aseptische Abfüllbedingungen wie in der Kosmetik-Produktion sowie häufig den Einsatz eines Konservierungsstoffes. Zusätzlich zu klassischen Challenge-Tests sind ergänzende bakteriologische Prüfungen notwendig, um die Produktsicherheit zu garantieren. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist die Haltbarkeit – bestätigt durch Duft-, Farb- und Stabilitätstests – identisch mit der alkoholhaltiger Produkte.
Vorteile für den Anwender
Gerade weil Wasser nicht bakterizid ist, schädigt es das Hautmikrobiom nicht. Véronique Nyberg: „Mit Aquafine entdecken wir wieder Gesten wie das direkte Aufsprühen auf die Haut – selbst auf empfindliche Haut – oder auf das Haar.“ Camille de Nanteuil fasst zusammen: „Gute Umweltbilanz (Biodegradierbarkeit und neutrale Zusatzstoffe), Multifunktionalität (Anwendung am ganzen Körper) und Hautverträglichkeit sind die Hauptgründe für die Nutzung wasserbasierter Parfums.“
Nachdem die Technologie zunächst den Nahost-Markt – aufgrund religiöser Kompatibilität – sowie den Bereich Raumdüfte überzeugt hatte, ist es unbestreitbar, dass die Vorteile für den Anwender das Wasserparfum zu einem Schlüsseltrend der kommenden Jahre machen werden.
Eine Innovation zwischen Parfümerie und Hautpflege
Die wasserbasierte Formulierung der Velvetvelo-Düfte beruht auf der Mane Aquafine Technologie. Diese Innovation ermöglicht den Düften eine 12 Stunden lange Haltbarkeit, die klassischen, alkoholbasierten Düften entspricht. Die Textur bleibt transparent und ist nicht klebrig. Zudem sind sie besonders hautverträglich und gewähren den oberen Hautschichten eine zusätzliche Hydratation. Damit sind sie mehr als nur ein Parfums, das gut riecht.
Zur Auswahl stehen bei Velvetvelo vier Variationen rund um das Thema Wasser: „Rue des Mimosas“ (Jahres-Neubeginn), „Un Homme à la Mer“ (Frühlingsausflug), „Sound of the Sun“ (Sommer) und „Archimède in Love“ (Winterduft). Jede Essenz fängt eine Jahreszeit ein sowie die Emotionen, die diese begleiten. VELO – die vier Buchstaben kann man auch anders zusammensetzen – LOVE.
Parfums von Velvetvelo, 100 ml, 129 Euro, die Velvetvelo-Duftkerzen aus pflanzlichem Wachs, 49 Euro

CultureAndCream-Autorin aus München
Beruflich als Beauty-Journalistin zu reisen, war mir nicht genug. Sechs Monate Weltreise haben auch nicht gereicht. Immer wieder zieht es mich in andere Städte, fremde Länder, zu Roadtrips und an Locations, die man kennenlernen sollte. Mich interessieren nicht nur „culture“ und „cream“, sondern auch Menschen, die Geschichten zu erzählen haben. Auf solche Reisen möchte ich euch mitnehmen.





Martina Stuben
Super Artikel 🙂 sehr gut recherchiert und geschrieben
LIEBEN DANK
Martina
Margit Rüdiger
Das freut mich. Danke, liebe Martina