Haben wir ein Recht auf ein gutes Leben?


Philosophische Betrachtung von Julia Kalmund

“Meinen Eltern verdanke ich das Leben und meinem Lehrer das gute Leben.” Dieses Zitat wird dem berühmten Eroberer und Herrscher Alexander dem Großen zugeschrieben. Alexander war Schüler eines der größten Genies der griechischen Antike: Aristoteles. Wenn man im Buchladen oder online stöbert, würde man meinen, dass die Suche nach dem Sinn einzig und allein eine Suche nach Glück sei. Glück in allen seinen Facetten. Aber ist Glück das, was dem Leben Sinn verleiht? Besteht ein gutes Leben aus Glücksmomenten?

Der Sinn ist die Essenz unseres Daseins

Die Frage, was ein gutes Leben ausmacht, hat nicht nur die antiken Philosophen beschäftigt. Sie lässt uns seitdem nicht mehr los. Sie ist eng verknüpft mit der Suche nach dem Sinn des Lebens. Der subjektive Sinn hat mit der Gestaltung des persönlichen Lebens jedes einzelnen zu tun. Was gibt dem Leben Sinn? Kann man ohne Sinn ein gutes Leben führen? Die Philosophin Dr. Katharina Ceming meint dazu: „Der Sinn ist die Essenz unseres Daseins“. Die verschiedenen Epochen haben unterschiedliche Antworten auf die Sinnfrage gefunden, und wie ein gutes Leben von jedermann geführt werden kann. Egal unter welchen Umständen. Ein gutes Leben, so die antiken Autoren, ist mehr als ein glückliches Leben. Es gibt Tausende Faktoren, die auf unser Leben einwirken, und viele davon können wir kaum oder gar nicht beeinflussen. Glück ist vergänglich. Aus diesem Grund versuchten sie Konzepte zu entwickeln, die das Gelingen einer ethischen Lebensführung in den Vordergrund stellen.

Was brauchen wir wirklich?

Aber wie sieht heutzutage ein “gutes Leben” aus? Braucht man dazu ein schickes Cabrio, eine Ferienwohnung in Nizza und ein ausladendes Konto? Was, wenn jemandem all dies vorbehalten bleibt? Haben nicht alle Menschen nach unserer Verfassung das Anrecht darauf, ein gutes Leben führen zu können? Sind unsere Vorstellungen vom guten Leben ökologisch und sozial nachhaltig? Oder vielleicht sogar gefährlich für unser Überleben? Was brauchen wir wirklich, um ein richtig gutes Leben zu führen? Und haben wir ein Anrecht darauf? Wenn ja, dann kommt gleich die Frage: Wie setzt man dieses Recht durch? Wer klagt es für uns ein? Die Menschenrechte (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen 1948) beinhalten den Schutz der Würde des Menschen und sein Recht auf Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und die Sicherung seiner Existenz (Nahrung, Obdach, Gesundheit, Bildung). Einklagbar sind sie nur gegen den Staat, und das ist in der Praxis nicht ohne weiteres möglich. All diese Rechte sind die Grundlage, um ein sicheres, sorgenfreies Leben zu leben, aber geben wir uns damit zufrieden? Wenn wir das Glück haben, dass wir unsere Grundbedürfnisse befriedigen können, dass unsere Würde respektiert und bewahrt wird, führen wir dann automatisch ein gutes Leben?

Bedürfnisse aufspüren, Sehnsüchte wahrnehmen

Für ein gutes Leben können wir nur selber sorgen. Wir brauchen eine eigene Auffassung vom Leben, eine Lebenswahrheit, die wir auch formulieren können. Worauf kommt es im Leben an? Was ist eigentlich wesentlich? Wir müssen unsere eigenen Bedürfnisse aufspüren, unsere Sehnsüchte wahrnehmen, unsere Möglichkeiten ausloten. Vielleicht liegt darin die größte Kunst, die richtige Wahl zu treffen durch Tun oder auch durch Lassen. Auch die Kunst mit Zufällen umzugehen, Gelegenheiten zu ergreifen trägt zum Gelingen eines Lebens bei. Wir wissen alle, dass das Leben ein Wechselspiel ist, und nicht nur aus Positivem bestehen kann. Zudem sind wir nicht allein unterwegs, und müssen die Balance, ein gutes Zusammenleben in der Gemeinschaft und mit unseren Mitmenschen suchen. Wir suchen immer nach Gründen, ja nach Ausreden, warum wir gerade das tun, was wir tun. Wir sollten manchmal lieber das Leben sich entfalten lassen, und offen sein für neue Wege. Wir sollten Mut haben und uns darauf einlassen, wohin uns unsere Ideen und unser Wirken uns führen.

Sich mit dem Leben identifizieren

Lange Zeit haben Glaube und Religionen den Menschen einen tieferen Sinn vermittelt; wenn schon keine unmittelbare Hilfe im Jetzt, so die Aussicht auf “Wiedergutmachung” im Jenseits. Allerdings gibt es berechtigte Zweifel in der Moderne, ob ein Leben voll Leid dadurch leichter zu ertragen ist, weil wir womöglich ein Teil von einem größeren Plan sind. Ein Leben ist dann sinnvoll, wenn es, so wie wir es leben, uns Erfüllung bringt. Wir sollten uns mit unserem Leben identifizieren können. Wir können noch so viel Gutes tun, noch so viel Hilfe leisten, wenn das, was wir tun, nicht aus unserem Innersten kommt, uns nicht erfüllt, dann agieren wir oft aus Pflichtgefühl, gar aus Eitelkeit. Daraus kann sich der Sinn unseres Lebens nicht erschließen.

Mehr Geld und mehr Konsum bedeuten nicht mehr Glück

Um eine Antwort auf die Frage zu finden, was für uns persönlich ein gutes Leben ausmacht, müssen wir unweigerlich über uns selbst nachdenken, vielleicht neue Wege gehen, alte Gewohnheiten hinterfragen. Wir sollten uns eingestehen, dass im Narrativ unseres Lebens sich die Perspektive auf ein gutes Leben durchaus ändern kann, und das nicht nur einmal. Erwachsen tragen wir viel dazu bei, ob unser Leben ein gelungenes Leben ist. Sicherlich ist nicht alles in unserer Hand, und wir leben nicht auf einer einsamen Insel. Aber gerade in der Gemeinschaft, durch unser Engagement, durch das Miteinander, durch Umsicht und Einsicht kann unser Leben an Sinn gewinnen. In der Glücksforschung ist es bewiesen, dass ab einer gewissen Grundversorgung mehr Geld und mehr Konsum nicht mehr Glück bedeuten, im Gegenteil. Leider gibt es kein Gesetzbuch mit einem Paragraphen, dass unser Recht auf ein gutes Leben beinhaltet. Der alte Spruch gilt jedoch hier im besonderen Maße: „Wir ernten, was wir säen.“

Ihr Fragen zu diesem Thema werden fundiert und leicht verständlich durch die Wiener Philosophin Dr. Lisz Hirn am 18. April 2018 im Hearthouse München beantwortet. Weitere Infos

Foto: @shesnorookie

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