Schlagwort: Kunst


Wenn Kunst, Gastronomie und Natur ein Bündnis eingehen, entsteht etwas ganz Besonderes.

Mit diesen drei Garanten kann einfach nichts schief gehen. Christian Bär (gr. Foto l.), der sympathische Hotelier des Hotels Alpenhof Murnau, hat zur feierlichen Einweihung der Installation der Blue Garden Chairs von Star-Designer Carlo Rampazzi (gr. Foto r.) in seinen neuen Garten geladen. Sein Motto: „Der Blick aufs Blaue Land“. Und tatsächlich standen alle Zeichen auf Blau. Im Beisein von Dr. Brigitte Salmen, Expertin der Blauen Reiter, Autorin, Initiatorin und ehemalige Leiterin des Murnauer Schlossmuseums, wurden die beiden blauen, skulpturesken Outdoor-Sessel, entworfen von Carlo Rampazzi aus Ascona und gefertigt im Atelier von Sergio Villa in Monza, enthüllt. Dazu gereicht wurden blaue Cocktails, und Küchenchef Claus Gromotka kreierte zur Soirée bleu ein Diner en bleu. Und wie auf Bestellung wechselte am Eröffnungsabend der Blauschimmer der Berge bei Sonnenuntergang in ein sanftes Rosa.

Relaxen in Blau

Noch bis in den Herbst hinein können Gäste von den Blue Chairs aus den „Blick aufs Blaue Land“ genießen und sich nach Lust und Laune darin fotografieren. „Jeder sollte etwas Blaues von seinem Aufenthalt im Alpenhof mitnehmen“, sagt Hotelchef Christian Bär. Wer allerdings einen der Stühle von Carlo Rampazzi sein Eigen nennen möchte, muss etwas tiefer in die Tasche greifen. Rund 4.000 Euro kostet jedes der Unikate, die alle per Hand gefertigt werden. Es dauert mindestens zwei Wochen, bis ein Exemplar das Atelier von Sergio Villa verlassen kann. Rampazzi: „Sogar ein Fehler, den ein Handwerker macht, ist ein bißchen Kunst. Und das ist es, was mir gefällt.“ Bisher sind seine blauen Metall-Sessel auch nur 25 mal weltweit anzutreffen. Also unwahrscheinlich, dass Ihr Nachbar bereits einen in seinem Garten stehen hat. Carlo bezeichnet ihn übrigens als Relax-Sessel. Und in der Tat sitzt man darin sehr bequem, die Form schmiegt sich nahezu dem Körper an.

König der Farben

„Anfangs haben wir die Stühle in mehreren Farben gemacht“, erzählt Signore Rampazzi, „aber die Kunden wollten immer nur Blau. Die Stühle sind also sozusagen in Blau geboren.“ Ursprünglich gehörten gleichfarbige Kissen dazu. „Aber die waren einfach zu viel. Der Sessel ist eine Skulptur und verliert dadurch nur an Schönheit“, so der Designer. Für Rampazzis gewohnt opulenten Stil sind die Stühle eher schlicht. Villen und Wohnungen von Mailand bis Paris, von Miami bis St. Petersburg und Zürich bis New York tragen seine Handschrift. Er gilt als der König der Farben, weiß um die Kraft und die Magie der Farbe auf das positive Wohn-Erlebnis. Aber er überrascht auch immer wieder neu. Bei ihm darf man das Unerwartete erwarten.

Möbel mit Seele

Seine besten Ideen hat der Designer nach eigener Aussage, wenn er sich mit Menschen unterhält. „Ich will die Leute immer überraschen“, sagt er. „In meinem Kopf entsteht eine Idee, aber alleine kann ich sie nicht weiter entwickeln. So war das auch bei den Chairs. Ich hatte diese Form für die Inneneinrichtung kreiert, sie stand bereits in verschiedenen Hotels. Als ich dann mit Leuten sprach, denen er gefiel, kam mir die Idee, eine Variante für draußen in Metall zu gestalten.“ Für ihn ist es das erste Outdoor-Möbel dieser Art. Seine Idee zeichnet der Designer immer per Hand. Sein Team überträgt den Entwurf dann auf den Computer, bevor dieser im Atelier von Sergio Villa landet. Das Wichtigste für Rampazzi: „Ich versuche immer, dass meine Möbel eine Seele haben.“

Künstler-Magnet

Seele hat auch der Alpenhof Murnau und ist deshalb genau richtig als temporäres Zuhause für die Blue Chairs. Dafür sorgt schon Christian Bär, geborener Murnauer und Hotelier von der Pike. Die Umgebung des Alpenhofs tut das Ihrige dazu. Das einmalige Farb- und Lichtspiel vor der Kulisse der bayerischen Voralpen inspirierte schon Künstler wie Franz Marc, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. „Es ist daher kein Zufall, dass genau hier die ‚Blaue Reiter‘-Bewegung entstand und von unserem Murnau aus die moderne Kunstwelt komplett umgekrempelt wurde“, so Christian Bär. In seinem Hotelgarten hat er neben anderen die Skulptur „Helix“ von Sir Tony Cragg, eigentlich Anthony Douglas Cragg, stehen. Der bildende Künstler aus Liverpool mit seit langem Wuppertal als Lebens- und Schaffensmittelpunkt, hat derzeit eine Ausstellung im Franz Marc Museum in Kochel am See.

Inspiriert von der Natur

Im Alpenhof herrscht das Naturprinzip. Jahres- und Tageszeiten bestimmen nicht nur, was auf den Teller kommt oder welcher Wein ins Glas fließt. Auch auf welchen Berg die Gäste geführt werden, wer sie mit auf Entdeckungstour ins Murnauer Moos nimmt und wie es im Spa duftet, richtet sich nach dem Rhythmus der Natur. Das Besondere: Auch der innere Rhythmus des Menschen, der als sensibles Chronometer im Alltag oft gegen den eigenen Takt funktionieren muss, wird einbezogen. Bär: „Wir bemühen uns, möglichst viele Freiräume zu schaffen, sodass ein jeder seine Zeit hier bei uns selbst gestalten kann. Gleichzeitig sorgen wir mit den richtigen ‚Zutaten‘ für ein ganz natürliches Wohlgefühl bei unseren Gästen.“ Das beginnt in den stylish-wohnlichen Zimmern oder auf der Terrasse mit atemberaubenden Blick auf das Bergpanorama. Es reicht über kulinarische Höhepunkte von Küchenchef Claus Gromotka (2 Hauben und 15 Punkte im Gault Millau) bis hin zu den langen Öffnungszeiten im Alpenhof Spa Yavanna. Egal, ob früher Vogel oder Nachteule, jeder bekommt seine Wohlfühl-Momente. Was mich besonders beeindruckt hat, war die Antwort von Christian Bär auf meine Frage, was ich denn im Alpenhof unbedingt machen solle? Er sagte: „Einfach mal nix!“

Aufmacherfoto @Dominik Bartl


Zu Besuch im Altstadt Vienna

Städte-Reisen sind wie Job-Wechsel. Kaum angekommen, will man integriert und über die do’s and don’ts informiert sein. In Fall Wien: Wo gibt es die beste lokale Küche? Welches Viertel soll ich lieber meiden? Was für eine Ausstellung ist gerade angesagt? Die erste Anlaufstelle für Insider-Wissen ist meist die eigene Unterkunft in der neuen, fremden Stadt. Nicht ohne Grund bevorzugen immer mehr Reisende Privatwohnungen statt Hotel-Ketten. Sie lechzen nach authentischen Tipps fern der Touristen-Masse und wollen sich heimisch fühlen. Das Altstadt Vienna in Wien erfüllt diese Ansprüche: Man wohnt so gemütlich und zwanglos wie bei Freunden, genießt aber die Annehmlichkeiten eines Hotels.

Im Hotel und doch Zuhause

Vor 25 Jahren gründete der österreichische Finanzmanager Otto Wiesenthal das 4*-Boutique-Hotel im 7. Bezirk Wiens. Er hatte genug exzellente Häuser auf der ganzen Welt bereist, um zu wissen: Nichts geht über Gastfreundschaft! Mit dem Altstadt Vienna schuf er ein Zuhause für Freunde und Gäste. Das Haus lebt seitdem von moderner Kunst, kreativer Architektur – und jeder Menge Wiener Gemütlichkeit. Das ist nicht zuletzt der zentralen Lage am hippen Spittelberg geschuldet. Hier reihen sich kleine Kaffeehäuser an kreative Shops und urige „Beisl“ – typische Wiener Restaurants mit lokaler Küche. Passenderweise ist auch das quirlige Museums-Quartier fußläufig erreichbar. Obwohl man bei so viel Inspiration im Altstadt Vienna kein Museum mehr von innen sehen müsste. Denn Otto Wiesenthal ist leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst. Die Flure und Gänge seines Hotels schmücken Werke von Andy Warhol, Niki de Saint Phalle und der Fotografin Annie Leibowitz.

Wohnen wie im Märchen

Alle 61 Zimmer und Suiten des Altstadt Vienna sind über einzelne Etagen des Gründerzeit-Hauses von 1902 verteilt. So wohnt, besser gesagt lebt jeder Gast quasi Tür an Tür mit waschechten Wienern. Das Besondere der Räume ist ihr individuelles Innenleben. Wie bei „Alice im Wunderland“ öffnet sich hinter jeder Tür ein neues Reich. Mal extrovertiert-burlesque, mal klassisch-minimalistisch, lieblich-verspielt, oder poppig-bunt mit einem Augenzwinkern. Jedes einzelne Objekt in den Zimmern, von der Blumenvase bis zum Kleiderschrank, ist sorgfältig ausgesucht. Verantwortlich für die einzigartigen Interieur-Welten sind aufstrebende oder bereits bekannte Kreative wie der Südtiroler Star-Architekt Matteo Thun, das Wiener Designer-Duo Polka und die Modegestalterin Lena Hoscheck. Um die Magie der Zimmer zu spüren, muss man nicht in jedem geschlafen haben. Einen guten Eindruck schenken die professionell gedrehten Kurz-Videos mit Erläuterungen der Designer – abrufbar über QR-Codes neben der jeweiligen Eingangstür.

Entspannt in den Tag starten

So familiär die Atmosphäre, so annehmlich das Drumherum in gewohnter Hotel-Manier: 24-h-Rezeption, Zimmerservice, Mini-Bar, Nespresso-Maschine, Klimaanlage, Hausschuhe. Im Übernachtungspreis ebenfalls inbegriffen: ein köstliches Frühstücksbuffet (bis 11 Uhr, wochenends sogar bis 11.30 Uhr) sowie Kaffee und Kuchen am Nachmittag. Abends lohnt ein Abstecher in die „Honesty Bar“ im roten Salon des Hauses. Dort sitzt man wie im Wohnzimmer eines guten Freundes in plüschigen Sesseln und auf gemütlichen Sofas. Zeitschriften und Bücher warten auf neugierige Augen, ein flackernder Kamin auf kalte Füße und ein Flügel auf begabte Hände. Wer will, mixt sich an der Bar sein Getränk selbst, die Bezahlung basiert auf Vertrauensbasis. Als Betthupferl gibt es kleine Schokotäfelchen und ein Mini-Kreuzworträtsel. Kleine Gesten mit großer Wirkung.

Menschen mit Herz begegnen

Im Altstadt Vienna steht der Gast ebenso im Vordergrund wie die Menschen aus dem Hintergrund. Denn Herzlichkeit können keine Roboter vermitteln, sondern nur Personen mit Ecken und Kanten, die ihren Job lieben. Und das tun die Angestellten des Altstadt Vienna. Ein inspirierendes Refugium und der perfekte Ausgangspunkt, um Wien zu erkunden (DZ ab 164 € für 2 Pers. inkl. Frühstück, Nachmittagstee & Kuchen).


Bildung muss weit mehr sein als die Akkumulation von Wissen, bzw. reine Wissensvermittlung…

Wir leben in Zeiten, in denen zu viele Informationen auf uns einwirken, und doch haben wir zu wenig Wissen über Themen, die uns wichtig sind. Die Bildungskonferenz Beyond Knowledge am 8. Februar in München, organisiert von den Street Philosophy Gründerinnen Julia Kalmund und Nina Schmid – klärt auf, gibt Denkanstöße und inspiriert zum eigenen Handeln. Hochkarätige Speaker wie der Astrophysiker Harald Lesch, die Philosophen Julian Nida-Rümelin, Richard David Precht und Ariadne von Schirach sowie Fotokünstlerin Julia Leeb und Kommunikationswissenschaftlerin Aga Trnka-Kwiecinski beleuchten verschiedene Aspekte von Bildung. Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Wissenschaftlerin Aga Trnka-Kwiecinski

Frau Trnka-Kwiecinski, warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, Bildung nicht zugunsten der Ausbildung aufzugeben?

Das Paradox ist, dass Bildungseinrichtungen einem ökonomischen Denken unterworfen sind, das unsere gesamte Gesellschaft durchzogen hat. Nicht das Lernen als Erlebnis steht im Vordergrund, sondern das messbare Ergebnis, das zum Gradmesser des Erfolges wird. Absurderweise sowohl für die Lernenden als auch für die Lehrenden. Aber: Intelligenz ist auch so viel mehr, als das Ergebnis eines standardisierten Tests, auf den man sich letztlich immer besser vorbereiten kann, und wo lediglich ein Segment abgefragt wird, wonach Rückschlüsse auf die Intelligenz eines Menschen gezogen werden. Dabei ist es viel interessanter, sich anzusehen, was durch solche Tests NICHT abgedeckt wird.

Erfahrungen und Erlebnisse, die keine universale Geltung beanspruchen, sind aus wissenschaftlicher Sicht irrelevant. Ist das nun gut oder schlecht?

Gut oder schlecht sind Kategorien, die eher fürs Moralisieren geeignet sind, aber die die Wissenschaft nicht voranbringen, und den Menschen an sich schon gar nicht. Gut oder schlecht unterliegen immer einer Interpretation einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Fragen über die Funktion des menschlichen Körpers zu stellen war Blasphemie, unmoralisch, und letztlich war es aber auch der Beginn der Medizin(wissenschaft). Das Denken von Kant umfasst zudem auch nur einen bestimmten Raum, in dem diese Art Fragen zu stellen, und Antworten zu antizipieren, logisch waren. Aber so wird vielleicht nicht überall auf der Welt gedacht. Fragen implizieren bereits Antworten. Aufgabe der Wissenschaft aber ist es, solche Fragen aufzuwerfen, deren Antworten nicht vorhersehbar sind, vielleicht gar nicht erwartbar sind. Meinen Studierenden stelle ich die Frage nach gut oder schlecht überhaupt nicht. Viel relevanter ist die Frage, welche Implikationen A hat, und welche B hat. Und was wäre, wenn A gar nicht A wäre, und B gar nicht B. Das Gedankenexperiment ist eine wissenschaftliche Königsdisziplin, und Moral ist zu diesem Zeitpunkt nicht hilfreich. Das ist allerdings kein Plädoyer wider die wissenschaftliche Ethik!

Heute baut man darauf, dass uns die Smartcity, das Smartgrid, Smarthome, Smartfarming, eine Smartdemocracy, letztlich nur noch eine Künstliche Intelligenz (KI) erlösen kann. Wann haben wir den Glauben an uns selbst verloren?

Die große Frage für mich ist, wer hier an wen geglaubt hat. Die Aufklärung, ähnlich wie die Emanzipationsbewegungen, war vielfach etwas, das die Elite einer Gesellschaft beschäftigt hat, aber nicht zwingend in alle Bevölkerungsschichten vorgedrungen ist. Im Nachhinein hört es sich so an, als wären alle dabei und dafür gewesen, dem ist aber gewiss nicht so. Alle Smart-Labels sind letztlich Versuche, Entwicklungen, die auf den ersten Blick neu, unüberschaubar und vielleicht daher auch bedrohlich wirken können, mit einem Etikett zu versehen, um sie einordnen zu können. Fakt ist, dass der Mensch der Gegenwart mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert ist, die leicht zu einer Überforderung führen können. Hat vor einem Jahrhundert noch die Kirche viele Antworten vorgegeben, so ist mit der Säkularisierung eine wichtige Institution weggefallen. Wer gibt uns heute noch Antworten auf die großen Fragen der Menschheit? Das Fernsehen? Social Media? Moralische Fragen nach Gut-Böse, Richtig-Falsch, beschäftigen uns natürlich immer noch, bloß die Antworten darauf müssen wir uns jetzt selbst geben. Dies bringt auch eine enorme Verantwortung mit sich, die wir allzu gerne auch mal wieder abgeben möchten. KI ist ein Versprechen dafür, uns hier etwas abnehmen zu können. Was sie aber gleichzeitig mit sich bringt, sind neue Fragen der Moral und der Verantwortung.

Wie wahrscheinlich ist es, dass in naher Zukunft eine Allianz von Robotern und KI die Macht übernimmt und die Menschheit unterjocht?

Wenn ich das wüsste, dann wäre ich im Olymp der Wissenschaft, und bald die reichste Person auf der Welt, und vermutlich auch die umstrittenste. Wenn aber von Robotern und KI die Rede ist, fällt mir dazu folgendes ein. In der Geschichte der Menschheit sind alternative Weltentwürfe immer wieder etwas, das die Faszination der Menschen beflügelt. Das Bild, dass die Menschheit von Maschinen unterjocht werden würde, ist dabei meist das vorherrschende. Als die ersten Menschen mit der Eisenbahn reisten, machte man sich ernsthaft Gedanken darüber, ob diese schnelle Art der Fortbewegung nicht Schäden für den Körper mit sich bringen, ob die Organe nicht darunter leiden oder das Gehirn. Heute fliegen wir, sogar ins Weltall. Ein gewisses Unbehagen ist eine normale Reaktion auf neue Entwicklungen. Was wir nicht kennen, lässt uns innehalten und überlegen. Es braucht Visionen, Zweifel, Vorbehalte, Neugier und Wissensdurst, Mut und Vorsicht. In der Wissenschaft, in der Bildung, in der Forschung, letztlich überall. Paracelsus sagt zu viel von etwas ist auch nicht gut. Die Balance ist wichtig. Balance allerdings nicht im Sinne eines Stillstandes, sondern im Sinne einer Bewegung, eines Prozesses. Respekt vor Neuem ja bitte, Angst war allerdings immer eine schlechte Beraterin.

Fotokünstlerin Julia Leeb

Frau Leeb, was für Bilder braucht es, damit wir unser Verhalten ändern?

In der überwältigenden Bilderflut gibt es immer wieder Bilder, die unser kollektives Gedächtnis geprägt haben. Bilder, die eine Epoche markieren. Bilder, die einen Wendepunkt im menschlichen Bewusstsein hervorrufen. Ich denke an das nackte Napalm-Mädchen in Vietnam. Ein Bild, das das Ende des Krieges einläutete. Bilder wirken länger als Lektüre im Bewusstsein nach. Meine Bilder z.B. wurden archiviert und an den Internationalen Strafgerichtshof weitergegeben. Ein Bild, das das Potenzial hat einen Diktator hinter Gitter zu bringen. Ein positives Beispiel sind die vielen Spendenangebote, die ich nach jeder Bildreportage bekomme. Die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort verändert sich dadurch. Bilder haben Macht. Bilder verändern die Welt.

Der Maler Georg Monjoie ist der Meinung, dass es zwar zahlreiche Ideen gibt, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte. Kennen Sie visionäre Kunst bzw. Bilder, die das Potenzial haben, diese andere Wirklichkeit zu illustrieren?

Die Idee eine bessere Gesellschaft zu gründen und diese durch großangelegte Stadtplanung und Architektur positiv zu beeinflussen, kenne ich persönlich nur in einem negativen Zusammenhang. Umgesetzte Ideen als Einläuten zur Erziehung einer idealen Gesellschaft erfahre ich stets auf Kosten des Individualismus. Nach all meinen Reisen an die unterschiedlichsten Ecken unserer Welt kommt die europäische Diversität meinem Verständnis von individueller Gestaltungskraft schon recht nahe.

In Zeiten der Bilder- und Informationsflut fällt es schwer, Aktualität von Relevanz zu unterscheiden. Wie kann man den Überblick bewahren?

Die omnipräsenten Bilderfluten können emotional überfordern. Zudem kommt hinzu, dass viele nicht mehr wissen, was echt ist und was aus dem Zusammenhang gerissen oder sogar gefälscht wurde. Ich persönlich habe mir einen reduzierten, aber gezielten Umgang von seriösen Nachrichten antrainiert und vertiefe einzelne Bereiche. Für die nächsten Generationen wird kein Weg daran vorbeiführen, schon an Grundschulen den Umgang mit Medien zu trainieren.


Was ein Mensch wahrhaben will, hält er auch für wahr

(Demosthenes, Athen 384 v. Chr.; † 322 v. Chr.)

Wenn der Teufel in der Gestalt eines Pudels Dr. Faust in Goethes Meisterwerk überrascht, dann wissen wir, dass die Täuschung, die Verfälschung und das ‚Hinter-das-Licht‘-Führen in der Kunst und in der Literatur schon immer eine Rolle gespielt haben.

Täuschung in der Malerei

Vor der Fotografie hatte die Malerei lange Zeit die Aufgabe, Historisches für die Nachwelt festzuhalten. Wenn diese Werke den Anschein haben, Tatsachen wiederzugeben, dann ist es eben nur ein Anschein. Die Fürsten und Herrscher, die Kirchenväter und die Soldaten waren darauf bedacht, dass sie im ‚richtigen‘ Licht erschienen, und nicht unbedingt so, wie sie oder die Umstände wirklich waren. Auch das ist Täuschung. Später haben die Impressionisten es gewagt, sich von einer wirklichkeitsnahen Ansicht zu entfernen. Sie brachten eine Impression, einen Eindruck auf die Leinwand, die ihre innere Welt gespiegelt hat, aber keineswegs genau dem entsprach, was vor ihren Augen war. Das kann man vielleicht nicht Täuschung nennen, aber doch eine gewisse Verfälschung.

Das Spiel mit den Sinnen

Künstler haben meistens eine Agenda oder einen inneren Drang, die sie leiten. Sie wissen, was sie tun, ob für sich oder für die Betrachter. Sie malen sich etwas von der Seele. Sie wollen auf etwas aufmerksam machen oder sie wollen uns aufrütteln. Manchmal mit einem Augenzwinkern, manchmal als Akt der Verzweiflung an der Wirklichkeit. Auch das ist eine Art von Manipulation. Sie spielen mit unseren Sinnen, gar mit unserem Unterbewusstsein, das im Stande ist in das Bild noch mehr hineinzuinterpretieren als was die Künstler eigentlich darstellen wollten.

Wir verfälschen, was wir sehen

Warum lassen wir uns verführen und täuschen? Ich glaube, dass es unsere Neugierde weckt, uns ein Prickeln verursacht, unserem Naturell entspricht. Unsere Art zu funktionieren, unsere Wahrnehmungen sind oft auch nur Täuschung. Wir machen uns etwas vor. Wir verfälschen, was wir sehen und was wir fühlen. Wir biegen Tatsachen so zurecht wie wir sie brauchen und behaupten, wir besäßen die Wahrheit. Wenn wir Bilder, Zeichnungen und alles, was die moderne Technik uns bietet vor Augen haben, dann sind wir erstaunt, belustigt oder sogar beängstigt. Aber wir fühlen uns lebendig, wir fühlen uns bestätigt, dass auch andere täuschen und manipulieren.

Fälschung oder Täuschung?

Das Kunstwerk aber sind wir, die wir in Parallelleben funktionieren, die unecht und echt auseinanderhalten können, weil wir erkennen, dass wir viele Facetten in uns tragen und nebeneinander leben lassen. Wir sind keine Fälschung, aber wir sind manchmal Täuschung. Aus dem Bestreben einer heiklen Situation zu entkommen, oder nur weil wir den Schelm in uns sich einmal ausleben lassen möchten. Das ist die Lust der Täuschung.

Wenn Sie mehr über das Thema erfahren wollen:
Aus der Reihe „KUNST TRIFFT PHILOSOPHIE“ lädt Street Philosophy im Rahmen der Ausstellung “LUST DER TÄUSCHUNG” in die Kunsthalle München ein.
Am 10. Oktober 2018 von 17.30 h bis 22 h
● Führung mit der Kunsthistorikerin Laura Sánchez Serrano
● Philosophischer Hintergrund durch die Philosophin Dr. Celina von Bezold

● Ab 20.00 Uhr Verköstigung mit der Gelegenheit für einen weiteren Austausch mit den Expertinnen und den anderen Teilnehmern

Ticketpreis € 135,00 pro Person
 (Eintritt, Führung, philosophischer Diskurs, Verköstigung inklusive Getränke) über Street Philosophy 
 oder eventbrite 


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