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Ein Sommertag in Marseille

Frankreichs zweitgrößte Stadt ist ihr Schmuddel-Image los – und punktet mit lebendigen Stadtvierteln, lässigen Shops, vielen Grünflächen und einer entspannten Event-Kultur. C&C-Autorin Cornelia Menner ließ sich von Marseille verzaubern…

Marseille – ein Kultur- und ein Problemraum: So titulierte die Süddeutsche Zeitung vor Jahren die gesamte Mittelmeerregion mit der Provence-Hauptstadt als Mekka des Ganzen. Die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas 2013 hat das verändert. Die Stadtväter haben tief in die Taschen gegriffen und ein gewaltiges Budget bereitgestellt: 90 Millionen Euro für Veranstaltungen, fast 700 Millionen Investitionsbudget für Raumplanung, Verkehrsberuhigung.

Umweltpflege und Nachhaltigkeit

Letztere ist besonders deutlich: Züge, Busse, U-Bahnen gehören heute zum selbstverständlichen Stadtbild von Marseille. Sie fahren häufig und ziemlich zuverlässig. Deshalb lassen wir das Auto an unserem Hotel in La Ciotat, 40 km östlich stehen und reisen in einer Stunde bequem öffentlich zum Marseiller Hauptbahnhof St. Charles.

Keine schlechte Entscheidung: Der monumentale Bau aus dem 19. Jahrhundert liegt etwas erhöht, und wir können einen ersten Blick über die Stadt und auf die berühmte, hoch über Marseille thronende Basilika Notre Dame de la Garde genießen. Eine ausladende Treppe führt vom Bahnhof mitten ins Herz der Stadt, vorbei an riesigen Statuen, die die koloniale Vergangenheit in Afrika und Asien dokumentieren.

Unser Morgen-Ziel ist der Fischmarkt am Alten Hafen, dem Port Vieux. Aber erst mal muss ein Kaffee sein, schließlich sind wir im Hotel ohne Frühstück aufgebrochen. Das holen wir bestens bei „Chez Paul“ nach, einer französischen Bäckereikette, die berühmt ist für ihre ofenwarmen, knusprigen Croissants und den schaumigen Café au lait. Frisch gestärkt geht‘s die von gewaltigen Platanen gesäumte Canebière entlang, die Prachtstraße der Stadt, die eindeutig zeigt, wie sehr Marseille doch mit seiner Kolonialvergangenheit verwurzelt ist: Dönerstände, marokkanische Tajine-Restaurants und Kaftanläden wechseln sich ab.

Zwischen Fischständen und Blumenpracht

Am alten Hafen geht’s an den Kaimauern hoch her, jeden Tag und schon ab sieben Uhr morgens, wie man mir sagt. Der Fischmarkt ist in vollem Gang: Fangfrische Doraden, Thun- und Tintenfische, Seebarsche und Sardinen sind im Angebot, werden vor Ort filetiert, geschuppt – und zum Leidwesen der Verkäufer viel häufiger fotografiert als gekauft.

Gleich nebenan geht der salzig-herbe Fischgeruch ganz unvermittelt in ein süßliches Aroma über: Hier hat der Blumenmarkt seinen Platz. Stände mit Lavendel, Jasmin, Sonnenblumen, Rosen und Hortensien zeigen die ganze Pflanzenvielfalt der Provence. Und, wenn, wie jetzt, Ende der Mai der Muttertag ansteht, der in Frankreich noch begeisterter gefeiert wird als bei uns, überbieten sich die Händler an farbenprächtigen Gebinden und Sträußen zu Ehren der maman.

Ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll, und eine optische Täuschung gibt’s obendrein. Denn überdacht wird der Blumenmarkt von der so genannten L’Ombrière, einem Spiegelpavillon, den der renommierte Architekt Norman Foster exklusiv für die Kulturhauptstadt kreiert hat. Hier wird der Kai quasi im Himmel abgebildet. Das gibt lustige Perspektiven – für Handy-Selfies muss man sich schwerst verbiegen.

Spektakuläre Ausblicke

Inzwischen es später Vormittag – eine gute Zeit, der Stadt aufs Dach zu steigen. Da das Thermometer bereits an der 30 Grad-Marke kratzt, verzichten wir auf den steilen Aufstieg und nehmen den Bus zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde, die 161 Meter über der Stadt thront. Hierher pilgern etwa zwei Millionen Besucher pro Jahr. Kann es sein, dass ein Großteil bereits heute vor Ort ist?

Die riesige Schlange vor dem Kirchenportal schreckt auf jeden Fall ab. Also dann doch lieber die spektakulären Ausblicke auf die Stadt genießen, das Mittelmeer, auf die vorgelagerten Frioulischen Inseln und das berühmte Château d’If, dem literarischen Gefängnis des legendären Grafen von Montechristo. Und natürlich auf Kähne, Segler, Yachten, die den Hafen von Marseille so bunt erscheinen lassen. Von hier oben sehen sogar die riesigen Kreuzfahrtschiffe wie Spielzeugdampfer aus.

Im Bauch von Marseille

Zur Mittagszeit machen wir Station auf dem Cours d’Estienne d’Orves nahe dem Hafen. Hier sitzt der „Bauch von Marseille“ mit unzähligen Fischrestaurants, italienischen und asiatischen Straßenkneipen. Eigentlich hätte es das Nationalgericht werden sollen, die Marseiller Bouillabaisse. Aber angesichts der Temperaturen entscheiden wir uns doch gegen den heißen Fischtopf. Viel besser passt die im Restaurant „L’Inattendu“ typische Tapenade, ein Aufstrich aus Oliven und Anchovis, der auf Röstbrot serviert wird und ein riesiger Salat mit Muscheln und Krabben – die hoffentlich auch wirklich aus der Gegend stammen.

Nach der Kulinarik ist Zeit für Kultur: Zum 1. Highlight am Nachmittag geht’s ins MUZEM. Dieses „Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers“ entstand ebenfalls, als Marseille zur Kulturhauptstadt wurde: Ein schicker Neubau und ein Kult-Tempel für moderne Ausstellungen. Über eine schmale, schlauchförmige Fußgängerbrücke ist das MUZEM mit der alten Festung St. Jean höchst attraktiv verbunden. Alt und Neu können eben doch gut miteinander, wie Marseille immer wieder beweist. Auch bei der Kathedrale Notre Dame de la Major, die mit neoromanisch-byzantinische Fassade auf den maurischen Teil der Stadt hinweist und von modernen Gebäuden umgeben ist.

Im ältesten Viertel der Stadt, dem Panier, läuft das Leben wesentlich entspannter ab als in der Marktgegend. Angeblich sollen die Griechen hier um 600 v. Christus die Kolonie Massalia gegründet haben, aus der sich die Stadt entwickelte. Lange Zeit hatten hier Fischer ihre Quartiere – heute sind es überwiegend die Künstler. Die vielen alten Häuser in den engen Gassen beherbergen Cafés (in denen der Espresso tatsächlich noch 1,20 Euro kostet), coole Concept Stores mit Accessoires, Kleidung, Geschirr.

Und natürlich Läden, in denen die berühmten Marseiller Seifen verkauft werden, ganz pur oder mit Duftaromen aus Lavendel. Immer ist Olivenöl der Hauptbestandteil, erklärt uns Vincent im Le Panier du savonnier. Ein echt hipper Stadtteil – mit riesigen Graffitis, die die Häuserfassaden und Mauern verzieren: Löwen, Bistrot-Besucher, frühere Persönlichkeiten des Viertels werden unsterblich gemacht.

Hippe Streetart im Bohèmeviertel

Streetart ist überhaupt „très Marseille“, das erfahren wir im Bohèmeviertel rund um den Cours Julien, von den Einwohnern liebevoll „Cours Ju“ abgekürzt. Flächendeckend sind ganze Wände und Mauern verkleidet, wir wissen kaum, wohin wir zuerst schauen sollen. Straßenmusiker geben ihr Bestes, auf den Märkten gibt es schickes Selbstgestricktes, die Bars und Bistros bieten coole Drinks und phantasievolles Fingerfood. Wir gönnen uns eine Runde Tapas im Restaurant „L’escalié“.

Berühmt ist die Stadt natürlich für Pastis, den Anisschnaps, den man als Aperitiv genießt. Der „51“, vielleicht der bekannteste, ist in Marseille erfunden worden. Ach, und ein bisschen Strand-Flair gehört doch auch zu einer Stadt, die als Frankreichs Tor zum Mittelmeer gilt. So beschließen wir den Tag an der „Plage du Prado“, einem der Stadtstrände im Süden, mit dem Bus in ein paar Minuten erreichbar. Und, Glück muss man haben: Tatsächlich geht die Sonne so romantisch unter, wie wir uns das gewünscht haben – und zum salzigen Meerduft in der Nase passt der Pastis-Geschmack auf der Zunge ganz wunderbar.

Photos: Cornelia Menner (10)

Frankreich, Marseille

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